Porto,
Trendblogger-Jahrgang 2013/2014 // Olá! Grüße aus Portugal! Zur Zeit hören wir von dort ja meistens nur Horrormeldungen im Zusammenhang mit der Euro-Krise. Was das Land sonst zu bieten hat, werde ich euch während meines Auslandssemesters in der Hafenstadt Porto berichten. Welche Medientrends entstehen in Portugal, trotz - oder vielleicht gerade wegen - der Krise? Und wie unterscheidet sich das Medienverhalten der Menschen hier von dem in Deutschland? Das will ich herausfinden - und mit euch teilen.


8 Dinge, die Lokalblogger von „O Porto Cool“ lernen können

Die Seite O Porto Cool berichtet über Neuigkeiten aus der portugiesischen Hafenstadt. Für jeden Stadtteil gibt es Essens- und Veranstaltungstipps, dazu viele Fotos, die zu einer digitalen Reise einladen. Wie schafft es der kleine Lokalblog, so erfolgreich zu sein?

O Porto CoolFür die einen ist Lokaljournalismus die Rettung einer kriselnden Branche, für die anderen ein überschätztes Verlustgeschäft. Mittlerweile gibt es neben Zeitungen, die über ein begrenztes geografisches Gebiet (Dorf, Stadtteil, Kleinstadt) berichten, auch immer mehr Blogs, die sich den Nachrichten in ihrer Umgebung widmen. Doch noch immer fragen sich viele, wie – wenn überhaupt – ein Lokalblog (wirtschaftlich) erfolgreich sein kann.

O Porto Cool gibt es seit 2007. Über vier Millionen Aufrufe zählt der Blog bis heute, mittlerweile landen 2000 Menschen täglich auf der Seite. Was können Lokalblogger von diesem Projekt lernen? Hier kommen 8 Tipps:

1. Die Größe zählt

Die Stadt Porto hat ca. 240.000 Einwohner. Das sind in etwa so viele, wie die Berliner Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte oder Charlottenburg-Wilmersdorf haben. Diese Größe suggeriert etwas intimes, man hat das Gefühl, lokale Insider-Tipps zu bekommen. Andererseits ist das Einzugsgebiet Portos mit über einer Millionen Menschen groß genug, um der Seite viele Besucher zu bescheren.

2. Sich aufs Lokale beschränken, aber (inter-) national denken

Der Blog gibt Empfehlungen für jedes einzelne Stadtviertel und erhält sich so seinen lokalen Charme. Alle Artikel gibt es neben Portugiesisch aber auch auf Englisch – so ist die Seite auch für die vielen Touristen und Austauschstudenten interessant, die jedes Jahr nach Porto kommen.

3. Formuliere ein Ziel – und eine Zielgruppe

Der Betreiber des Blogs, der 45-jährige João Paulo Magalhães, nennt als Ziel der Seite, „Menschen, die Porto besuchen oder hier erst kurz wohnen, Tipps zu geben, die ihnen das lokale Lebensgefühl vermitteln“. Zielgruppe seien 20- bis 45-Jährige, die entweder die „alternativ-coole“ oder die „chic-coole“ Seite Portos kennenlernen wollen. Das Formulieren eines klaren Ziels und einer Zielgruppe helfen dem Autor, sich bei jedem Artikel auf die relevanten Aspekte zu konzentrieren.

4. Weniger ist mehr

Magalhães setzt bewusst auf viele Fotos und wenig Text. Er glaubt, im Internet fände eine „visuelle Kommunikation“ statt. Die Besucher seiner Seite würden kurze und kompakte Tipps mit anschaulichen Fotos mehr schätzen als seitenlange Erfahrungsberichte. Als weitere Erfolgsfaktoren nennt er ein schlichtes und übersichtliches Design und unterhaltende und subjektive Artikel.

5. Pflege deinen Rosengarten

Eine Blog-Community ist wie ein Rosengarten. Wird er nicht regelmäßig bewässert, verwelken die Rosen. Magalhães versucht daher, mindestens einen Artikel pro Woche zu schreiben. Zusätzlich nimmt er sich täglich zwei Stunden Zeit, um das Forum, sowie die Facebook-, Twitter-, Instagram- und Pinterest-Seiten zu pflegen.

6. Finde die Lücke

Als der Blog 2007 ins Leben gerufen wurde, war Porto noch nicht die junge Studentenstadt mit reichem kulturellen Angebot, die sie heute ist. Dementsprechend gab es im Internet auch kaum Seiten mit lokalen Tipps zur Stadt. Magalhães sah das Potenzial und startete O Porto Cool. Ohne große Marketing-Maßnahmen erlangte der Blog über Google relativ schnell große Bekanntheit. Später kamen ein Newsletter und Bekanntmachungen auf Social Media Seiten hinzu, um neue Besucher zu erreichen und die alten bei Laune zu halten.

7. Sei unabhängig und liebe, was du tust

Der Autor betreibt seinen Blog aus Spaß und Liebe zur Stadt. Seine Berichte über Restaurants, Bars und kulturelle Ereignisse sind subjektiv und unabhängig. Nie hat er für seine Empfehlungen Geld bekommen. Die Unabhängigkeit und den Enthusiasmus spüren die Leser – sie stehen im Gegensatz zu einem Blog mit gesponserten Inhalten. Wegen des großen Erfolges erhält Magalhães heutzutage viele Anfragen von lokalen Unternehmen, die Werbung auf seiner Seite schalten wollen.

8. Denke dir einen „coolen“ Namen für deinen Blog aus

Oporto ist der englische und spanische Name für die Stadt, auf Portugiesisch kann das „O“ für den männlichen Artikel stehen, dann heißt der Blog soviel wie „Das coole Porto“. Der Name harmoniert mit dem Stil des Blogs, denn alle Rubriken tragen „cool“ im Namen. Rundherum ein cooler Name, einfach und einprägsam.

MoneyWie verdiene ich Geld mit meinem Blog?

Eine Frage bleibt natürlich offen: Könnte O Porto Cool auch wirtschaftlich erfolgreich sein? Und wenn ja – wie? Magalhães betreibt die Seite nicht, um damit Geld zu verdienen. Er ist in der Finanzbranche tätig und somit finanziell unabhängig. Diese Unabhängigkeit ist meiner Meinung nach auch ein Grund für seinen Erfolg. Trotzdem glaube ich, dass O Porto Cool Geld erwirtschaften könnte. Durch die große Reichweite und den lokalen Fokus bietet er das perfekte Anzeigenumfeld für Unternehmen aus Porto. Die Werbeanfragen, die bereits vorliegen, bestätigen diese These. Wahrscheinlich müsste der Betreiber des Blogs noch mehr Zeit in das Marketing stecken, um weitere Werbekunden zu gewinnen – oder eine Teilzeitkraft einstellen.

Was denkst du? Können O Porto Cool und andere Lokalblogs wirtschaftlich erfolgreich sein? Von welchen (weiteren) Faktoren hängt das ab? Schreibe deine Meinung als Kommentar!

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Fotos: Screenshots oportocool.com; todayifoundout.com

8 KOMMENTARE , GEBE EINEN KOMMENTAR AB

  1. Gerade die Unabhängigkeit macht doch den Reiz der Seite aus. Wenn er erst mal Kompromisse wegen Anzeigenkunden machen muss (oder man ihm unterstellt, das zu tun), bekommt der Erfolg Risse. Den offenen, aber lokal-zentrierten Blick finde ich klasse, aber Geld verdienen durchs Bloggen finde ich persönlich eher fragwürdig.

    • Ja, ist eine ganz schmale Gratwanderung. Ich würde da nochmal zwischen Anzeigen (auch als solche sichtbar) und gesponserten Inhalten unterscheiden. Gesponserte Inhalte fände ich bei diesem Blog fehl am Platz, denn er lebt ja gerade von seiner Unabhängigkeit und Subjektivität. Anzeigen für lokale Unternehmen würden unter Umständen gehen, aber vielleicht nur von Branchen/Firmen, über die der Seitenbetreiber keine Empfehlungen schreibt. Schwierig…

  2. Besteht halt immer die Gefahr, dass man als „erfolgreicher“ Blogger instrumentalisiert wird. Zum Beispiel als „Tester“ für diverse, von Sponsoren gestellte Gegenstände (Autos, Smartphones, etc.). Wer hier eine saubere Grenze ziehen kann, ist deutlich im Vorteil. Natürlich würde ich mich trotzdem freuen, wenn auch Blogger von ihrer Kreativität leben könnten…

    • Klar, die Gefahr besteht. Auf der anderen Seite wäre es schade, wenn nur Leute mit Geld und Zeit ausführlich bloggen könnten. Ich finde, die 15 bis 20 Stunden, die der Betreiber von „O Porto Cool“ pro Woche aufwendet, schon ziemlich viel für ein reines Hobby. Das kann sich nicht jeder leisten. Wäre mal interessant zu wissen, was Leute denken, die sich mit dem Thema ausführlicher beschäftigen. Werde mal Julian Heck von Lokalblogger.de und Karsten Lohmeyer von LousyPennies.de antwittern und nach ihrer Meinung fragen.

  3. Also erstmal muss ich sagen: Sehr schön aufgedröselt – und damit sicherlich eine Hilfe und Anregung für solche, die sich überlegen, einen Lokalblog zu starten und für Macher, die das ein oder andere überdenken möchten (und sollten). Zu eurer Diskussion passt sehr gut dieser Artikel „Zum Hobby verdammt“ (http://dietrendblogger.de/hyperlokales-zum-hobby-verdammt/). Man muss sich nunmal entscheiden, ob es ein Hobby wird oder ein Beruf, denn das wirkt sich schließlich auch auf die Strategie des Blogs aus (z.B. eine Professionalisierung, etwa im Hinblick auf die Aktualisierungsfrequenz). Auf eines sollte das Geldverdienen (meist durch Anzeigen) aber keine Auswirkung haben: auf den Inhalt. Deshalb halte ich wenige, große Sponsoren, für schwierig. Mehrere kleine lokale Geschäfte sind da schon sinnvoller, um ein Wegbrechen abfangen zu können. Somit kann man es sich auch erlauben, über einen Werbekunden kritisch zu schreiben, ohne Angst zu haben, dass dieser einzige Kunde und damit die wirtschaftliche Basis wegbröckelt.

  4. Lieber Julian, danke für das Feedback und deine Position zur Diskussion! Sehr interessant!

  5. Pingback: Redaktionssitzung im Januar mit Julian Heck zum Thema Hyperlocal Journalism | Die Trendblogger

  6. Pingback: Institut für Kommunikation in sozialen Medien » Trendblogger-Redaktionssitzung im Januar mit Julian Heck zum Thema Hyperlocal Journalism