Stockholm,

Trendblogger-Jahrgang 2012/2013
Schweden steht für endlose Wälder und Seen; die Natur bestimmt dieses Land. Gleichzeitig gilt es als eines der innovativsten und offensten im Bereich der Technik und Neuer Medien. Wer kennt oder nutzt nicht Skype oder Spotify? Wie das zusammenpasst, möchte ich in meinem Auslandssemester in Stockholm gerne herausfinden – und meine Erfahrungen mit euch teilen.



Innovation nur durch Integration

Schwarzer Fernsehschirm dank Internet: Eine Frontstellung?

Schwarzer Fernsehschirm dank Internet: Eine Frontstellung?

IKEA – die schwedische Botschaft unter den Unternehmen – überraschte im vergangenen April mit der Ankündigung, jetzt auch Fernseher ins Angebot aufzunehmen. Mich quält dabei weniger die Angst vor fehlenden Schrauben als die Frage: Hat dieses Gerät überhaupt eine Chance gegen das Internet?

Spätestens Kinder der 70er kennen das TV-Gerät als bestimmendes Alltagsmedium. Seit dieser Zeit ist der Fernsehkonsum in Deutschland fast kontinuierlich gestiegen, erreichte zuletzt fast vier Stunden pro Tag. Doch in Schweden sinkt die Fernsehzeit junger Menschen zwischen 15 und 24, von 2009 bis 2011 nahm sie um 18 Minuten ab: zu Gunsten des Internets. Doch ist wirklich ein Kampf zwischen den zwei Medien zu erwarten?

Carolina Nyman, Chefin einer Filiale der skandinavischen Möbelkette Bolia bestätigte gegenüber Dagens Nyheter, dass es einen neuen Trend bezogen auf den Status des Fernsehens gibt: Viele Kunden träumten von einer Möblierung, die vom Möbeltrend der 50er und 60er inspiriert sei – wo der Fernseher noch kein „Hausgott“ war. Warum bringt IKEA also gerade jetzt Möbel mit integriertem Fernseher auf den Markt?

Gegen den Trend?

Dass das eigentliche Gerät dabei bestenfalls solide ist, hat mit der Frage nach dessen Verwendung nur wenig zu tun. Produktstratege für IKEA Schweden, Mats Nilsson, führt jedenfalls auf dn.se an:

–       Wir beabsichtigen nicht, den absolut letzten Schrei zu verkaufen […], aber wir wollen ein Möbelstück gestalten, so dass Fernseher und Technik zusammenschmelzen, wo Kabel und Lautsprecher nicht sichtbar sind.

IKEA selbst geht es also tatsächlich nur um die Möbel: Dabei kann das Gerät der Serie UPPLEVA etwas, das in der deutschen TV-Welt noch viel zu selten genutzt wird und das Potential für eine echte Innovation hat.

Denn IKEA hat die Funktion Smart TV in sein Gerät integriert: Grundsätzlich geht es dabei einfach um eine Verknüpfung von Fernsehen und Internet in einem Gerät, teilweise wird die Technik daher auch als Hybrid Broadcast Broadband TV (HbbTV) bezeichnet. Fraglich in Deutschland ist, wie und in welchem Umfang sich die Fernsehsender entscheiden, diese Technik über ihre Mediatheken hinaus einzusetzen. Nur als besserer Videotext hätte der Smart TV sein Potential verschenkt.

Testplattform für Innovationen

Richtig macht es dagegen SVT, Sveriges Television. Das öffentlich-rechtliche schwedische Fernsehen – an anderer Stelle in diesem Blog schon im Fokus – kündigte Ende letzten Jahres an, zusätzliche Sendungen ausschließlich auf ihrer Internetplattform svt play online zu zeigen. Und natürlich ist svt play über Smart TV empfangbar: Der Sender kann so neue Formate im Internet ausprobieren, die sonst im TV keine Chance auf Ausstrahlung hätten, betont Lena Glaser, Abteilungschefin bei SVTi gegenüber Dagens Nyheter.

Freilich ist damit noch kein innovatives Programm gewährleistet – zukunftsweisende Sendungen müssen schließlich erst produziert werden. Doch ich sehe generell den richtigen Weg eingeschlagen: Sowohl die Entscheidungsträger der Geräte- als auch der Programmproduzenten müssen sich die steigende Bedeutung des Internets bewusst machen. Dann ist es möglich, die Frontstellung dieser beiden Medien aufzulösen – und Raum für Innovationen zu schaffen.

Innovation durch Austauschprozesse

Denn was ist Innovation wirklich, wie kommt sie zu Stande? Schweden versteht sich traditionell als ein innovatives Land, gerade in der Technikbranche; aber auch hier betont Experte Jan Andresen, Creative Innovation Director vom Restaurantbestellnetzwerk Glimworks: Echte Innovationen kommen nur in einem kreativen Milieu durch Austausch zu Stande, nicht durch permanente Spezialisierung und Vereinfachung.

So stellt es sich auch mit den Fernsehinnovationen dar: Natürlich muss der IKEA-Fernseher an sich nicht selbst zusammengeschraubt werden, do-it-yourself ist lediglich die Senderwahl des Zuschauers. Und der hat über das internetgestützte Smart TV die Möglichkeit, zwei Medien zu kombinieren und bei svt play innovative Sendungen zu sehen, die er dadurch selbst unterstützt.

Augenscheinlich leidet die Technik noch unter Kinderkrankheiten, wie Empfangsproblemen bei einigen Geräten nach dem Wechsel des Streamingdienstes – doch klar ist schon jetzt: Das Internet kann viel mehr als verbindendes, denn als konkurrierendes Medium wahrgenommen werden. Wenn traditionelle Sender junge Zuschauer binden wollen, müssen sie das Einfallstor Internet in den Fernseher auch in anderen Ländern aufgreifen.

4 KOMMENTARE , GEBE EINEN KOMMENTAR AB

  1. Ein sehr schöner Artikel. Als ich das letzte Mal im IKEA war, hat es mich schon arg irritiert, dass jetzt in jedem IKEA-Ausstellungszimmer, selbst in der Küche, ein IKEA-Fernseher steht. Wie man liest, wollte der IKEA-Gründer das auch nicht, aber sein Vorstand hat ihn überstimmt.

    Eine inhaltliche Anmerkung noch: Das Dossierthema war ja, die Frage zu beantworten, ob Fernsehsender noch Innovationen schaffen können. Wie stehst Du dazu? Das wird aus dem Artikel nicht ganz klar.

  2. Das ist richtig: Die Frage, OB Fernsehsender noch Innovationen schaffen können, beantworte ich tatsächlich nicht. Ich gehe davon aus, dass jedes Medium noch zu Innovationen in der Lage ist.
    Mir geht es daher eher um die Frage: WIE kann das Medium Fernsehen weiterhin die Grundlage für Innovationen schaffen? Und dafür gilt es, die Frontstellung gegen das Internet abzubauen und es mehr in das Fernsehen zu integrieren. Siehe: Smart TV. Kein spezifisch schwedisches Ding, aber IKEAs Fernseher ist hier auch nur ein Beispiel…

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