Lissabon,

Lisboa – O meu Amor. Seit meinem ersten Besuch vor sechs Jahren ließ mich diese Stadt nicht mehr los. Im September des letzten Jahres habe ich dann endlich Potsdam gegen Lissabon getauscht, zumindest für ein Jahr. Als Trendbloggerin möchte ich meine Eindrücke dieses verträumten und zugleich krisengeschüttelten Landes sowie Beobachtungen zu Portugals Medienlandschaft teilen. Fühlt euch frei, meine Artikel zu kritisieren, zu kommentieren und zu teilen.



Portugiesische Forscher_innen entwickeln zukunftsweisendes Tool für Gehörlose

Unter Media & Lifestyle gibt es aus Portugal mehr zu berichten als technische Neuheiten und um Essen, Sport, Mode und andere Buzzwords, die dabei in unseren Köpfen aufploppen. Unter dem Namen „Virtual Sign“ entwickelte ein Forscher_innenteam aus Porto eine Technologie zur Übersetzung von Gebärdensprache, welche die Lebensqualität von Gehörlosen und -geschädigten erhöhen soll. 

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Schätzungen zufolge gibt es circa 150.000 Menschen mit starken Schädigungen des Gehörs in Portugal, für die der Zugang zu Lehrmitteln und Bildung mit Barrieren gepflastert ist. Dem Ziel diese abzubauen hat sich die Forschungsgruppe GILT (Graphics, Interaction and Learning Technologies) des Hochschulinstituts für Ingenieurwesen Porto (ISEP – Instituto Superior de Engenharia do Porto) mit ihrem Projekt Virtual Sign verschrieben. Es handelt sich um eine Technologie, welche sowohl portugiesische Gebärdensprache simultan in Schriftsprache übersetzen kann als auch umgekehrt. Zwei externe Vorrichtungen sind dafür entwickelt worden: ein Handschuh mit Sensoren und Kinect, eine mit Tiefensensoren ausgestattete Kamera. Zusammen ermöglichen sie, Gesten, Körper- und Gesichtsbewegungen zu erkennen und sie in Text zu übersetzen. In entgegengesetzter Richtung wird ein auf dem Computer geschriebener Text durch einen digitalen Avatar in Gebärdensprache übersetzt.

Die Idee zu dem Projekt entsprang vor drei Jahren der Beobachtung durch die Entwickler_innen, dass hörgeschädigte Student_innen der Materie in ihren Lehrveranstaltungen schwerer folgen konnten als ihre Kommiliton_innen. Um diese Benachteiligung abzubauen und die Kommunikation von gehörlosen und hörgeschädigten Menschen in Schulen, Museen und an anderen Orten zu erleichtern, riefen Forschende des ISEP, der Universidade do Porto, der Universidade Aberta zusammen mit Spezialist_innen in Gebärdensprache unter der Leitung von Paula Escudeiro das Projekt ins Leben und erhielten eine Anschubfinanzierung von 100.000 Euro vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft (MEC, Ministério da Educação e Ciência).

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Vor zwei Wochen gab das Team den erfolgreichen Abschluss der Testphase sowie den Beginn einer vorerst regional begrenzten Implementationsphase in den akademischen Lern-Lehr-Prozess bekannt. Ende des Jahres, so hoffen alle Beteiligten, wird die zukunftweisende Technologie für die breite Öffentlichkeit bereit sein. [1]

Bis jetzt beschränkt sich die Entwicklung des Übersetzungstool auf Bildungskontexte, die Forscher_innen wollen Virtual Sign jedoch perspektivisch auch für andere Bereiche des alltäglichen Lebens nutzbar machen. Ebenfalls befinden sie sich in der Vorbereitung zur Teilnahme an verschiedenen internationalen Forschungswettbewerben, um ihre Innovation auch auf andere Sprachen ausweiten zu können.

Das Projekt findet großen Zuspruch in der medialen Öffentlichkeit. Allerdings melden sich auch vereinzelt kritische Stimmen zu Wort. Sie weisen daraufhin, dass über die Begeisterung hinweg nicht vergessen werden darf, dass die menschliche Übersetzung und Betreuung in Bildungseinrichtungen, z.B. von hörgeschädigten Kindern, nicht durch technische Vorrichtungen zu ersetzen ist. Auch das Erlernen der Gebärdensprache ausschließlich über eLearning, wie es in einem Teilprojekt von Virtual Sign erprobt wird, erscheint zweifelhaft und dürfte spätestens bei ambivalenten, aber urmenschlichen Kommunikationsweisen, wie z.B. Ironie, an seine Grenzen stoßen. [2]

Ohne den unschätzbaren Wert dieser Innovation im Bereich digitaler Inklusion in Zweifel zu ziehen, frage ich mich, wie Virtual Sign in einer Lehrveranstaltung zum Einsatz kommen soll. Basieren diese doch zumeist auf gesprochener – nicht geschriebener – Sprache. Um also die Einsetzbarkeit zu perfektionieren, müsste das System mit akkustischer Spracherkennung gekoppelt werden.

Und ein weiterer Aspekt lässt mich ins Grübeln kommen. Die Gebärdensprache ist wie jedes kommunkative System ein Gebilde, das sich weiterentwickelt. Eine Technologie, die Gebärdensprache in Echtzeit übersetzen möchte, müsste also flexibel sein und ständige Updates erfahren, um mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten. Oder wir akzeptieren die Feststellung, dass solche Technologien eben nur für einen begrenzten Rahmen geschaffen sind, innerhalb desselben hervorragend funktionieren und vielen Menschen helfen. Virtual Sign ist auf internationalem Niveau ein wichtiger Anstoß in der Entwicklung von Technologien zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen.

 

Hier findet ihr ein zusammenfassendes Konferenzpapier der Forschungsgruppe um Virtual Sign. 

 

Zwei kurze Nachträge

Im Vergleich zu Portugal gibt es in Deutschland ungefähr doppelt so viele Betroffene, d.h. laut Schwerbehindertengesetz etwa 230.000 Hörgeschädigte, plus 80.000 Gehörlose. [3] Ein Übersetzungstool für Gebärdensprache existiert nicht.

Und ein Tipp: Eine meiner liebsten analogen Übersetzungsapps für Gebärdensprache im deutschsprachigen Raum ist diese Frau: Laura Schwengber. Sie übersetzte für den NDR deutsche Musikvideos [4] und aktuell dolmetscht sie live Rock- und Pop-Konzerte im deutschsprachigen Raum.