Paris,

Trendblogger-Jahrgang 2013/2014. Die Koffer sind gepackt und die linke Hosentasche frei für neue Eindrücke. Ab September atme ich für zehn Monate die Pariser Luft mit all ihrem Dunst und Nebel. Zehn Monate werde ich meine Heimat hinter mir lassen und als Philosophiestudentin der Sorbonne durch die Gassen der französischen Großstadt irren, suchend nach den innovativsten Medientrends, über die mich meine Nase so stolpern lässt. On y va!



Ein Puzzle für Paris: Wenn lokale Berichte (k)eine Einheit bilden.

Spätestens seit der Social Media Week Paris, die am Jahresanfang in der französischen Hauptstadt stattfand, diskutiert man hier den „Hyperlocal Journalism“: Ist Hyperlocal der Schlüsselfaktor des Webs von morgen? Welche Möglichkeiten und Probleme ergeben sich hieraus? Paris bietet viel, doch bleibt dabei noch Platz für lokale Berichterstattung?

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Mit Blick auf die Hauptstadt Frankreichs und ihre Funktion für das Land bin ich auf Blogs gestoßen, die mich neugierig haben werden lassen. Also tauchte ich ein, in die Welt des ganz individuellen und speziellen lokalen Journalismus.

Paris. Eine Stadt, die nicht nur den politischen und ökonomischen Kopf Frankreichs bildet, sondern sich zudem durch ihre entscheidende Rolle als Medienzentrum auszeichnet. Aus dem Hier und Jetzt des romantisierten Großstadtlebens werden Informationen des Landes und der Welt aufgearbeitet und in jeden Teil Frankreichs weitergeleitet.

Nun lässt sich leicht die Vermutung aufstellen, dass durch diese zentrale Rolle, die die Hauptstadt in ihrer Bedeutung für das gesamte Frankreich trägt, so etwas wie Hyperlocal Journalism gar nicht möglich sei. Denn ist es nicht eigentlich so, dass alles, was entscheidend für die Region Paris ist, zugleich ein bedeutsamer Faktor für das gesamte Land ist? Und was gäbe es von und für die Pariser zu berichten, das nicht bereits zuvor von außen nach innen vorgedrungen sei?

Mit dieser Überzeugung und einer Prise Skeptizismus durfte ich in den vergangenen Wochen von Gegenteiligem überzeugt werden. Denn Paris ist ganz offensichtlich mehr, als ein bloßes Ballungszentrum des ganzen Landes. Die Stadt ist nicht allein ein Teil des gesamten Organismus – denn wenn man genau hinschaut, ist zu erkennen, dass Paris sehr wohl für sich stehen kann und Wert darauf legt, dass dies von Außenstehenden auch erkannt wird.

Das lokale Leben spielt sich im Stadtrand ab

Wie ein Puzzle werden die in zwanzig kleine Arrondissements unterteilten Stadtbezirke von dem Périphérique umschlossen, einer äußeren Ringautobahn, die ganz offensichtlich zunehmend die Funktion einer Stadtmauer zu ersetzen scheint. Innerhalb dieses Ringes wird der Charme der Stadt von einem munteren Eigenleben umspielt.

Jedes Arrondissement unterliegt einer Mairie, einer sogenannten eigenen Verwaltung und bildet seinen ganz speziellen Charakter. So lassen sich verschiedene Blogs finden, die den Leser auf spezifizierte Problematiken in dem jeweiligen Arrondissement aufmerksam machen und diesen nicht selten selbst zum Verfassen eines Beitrages auffordern. Auf Blogs wie le75020.fr oder gambetta-village.com werden die Bewohner des östlichen Paris und zwanzigsten Arrondissements dazu aufgefordert, die Tippfeder in die Hand zu nehmen und selbst zum lokalen Journalisten zu werden. Hierdurch wird dem Arrondissement de Ménilmontant sowie seinen ca. 197.000 Einwohnern eine Plattform geboten, die sich selbst als das Webjournal des zwanzigsten Quarties bezeichnet und dessen Informationen sich nur selten auf Ereignisse beziehen, die über die Grenzen der Pariser ‚Stadtmauer‘ hinausreichen.

Grundsätzlich ist die Idee einer lokalen Berichterstattung innerhalb jedes einzelnen Quartiers eine gute, doch ist die Fülle ebensolcher Blogs noch nicht auszumachen. Paris ist eine Stadt, die viel zu bieten hat – Leben, Kultur und Allerlei. Und der Gedanke, dass jedes einzelne Quartier seinen eigenen Blog mit Informationen von und für die Anwohner der Stadt hat, scheint noch nicht überall auf Zuspruch zu stoßen. Scheinbar lassen sich besonders viele Lokalinteressierte in den Randgebieten der Stadt, dem Norden und Osten von Paris finden. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass sich das eigentliche Leben der Großstadt nicht allein am und um den Eiffelturm herum abspielt, sondern seinen Ursprung im ganz alltäglichen Großstadtleben am Rande des Périphériques finden lässt.

Mit einem Blick auf den Beginn des neuen Jahres bleibt es spannend, wie sich der Hyperlocal Journalism hier in Paris zukünftig wohl entwickeln mag und was die Großstadt noch alles für die Trendblogger bereithält.

In diesem Sinne: Bonne année!

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Fotos: Screenshot 

7 KOMMENTARE , GEBE EINEN KOMMENTAR AB

  1. Hey Hannah!
    Ja, auch in einer Großstadt gibt es bedeutende lokale Neuigkeiten. In Berlin zeigen das die Prenzlauerberg Nachrichten sehr gut. Mich würde ja jetzt noch interessieren, ob sich Menschen in einer Großstadt wie Paris oder Berlin überhaupt für das lokale Geschehen interessieren – oder ob es ihnen eher egal ist, weil sie nicht nur in ihrem eigenen Viertel unterwegs sind, sondern die ganze Großstadt als ihre Heimat sehen. Aber hierfür wäre wohl eine ganze Studie notwendig…
    Liebe Grüße nach Frankreich!

    • Salut Julian, danke erst einmal für deinen überaus interessanten Kommentar!

      Es ist tatsächlich so, dass die von dir aufgeworfene Frage eine ganze Studie füllen könnte.
      Momentan habe ich den Eindruck, dass es, ausgehend von dem grundsätzlich vorherrschenden Skeptizismus der Franzosen gegenüber der Regierung ihres Präsidenten, zunehmend eine Fokussierung der Pariser auf ihre direkte Umgebung und somit auf die lokalen Geschehnisse ihres jeweiligen Viertels geben wird, um einem möglichen politischen Ohnmachtsgefühl zu entkommen.
      Es ist auf jeden Fall ein spannendes Thema, das es wert wäre, näher analysiert zu werden!

      Liebe Grüße aus Frankreich zurück!

  2. Hallo,

    ich wäre mit der Abbildung hier etwas vorsichtig. Denn es ist ja kein „Screenshot“, sondern ein Werk der recht bekannten und tollen Illustratorin Cristiana Couceiro. Nur so als Hinweis, damit Ihr keinen Ärger kriegt 🙂

  3. Bernd, danke für deinen Hinweis!
    Ich habe das noch mal überprüft. Ursprünglich hatte ich das Bild auf der Seite einer Künstlergruppe gefunden, die sich „Distortion“ nennt. Ich muss bei dem Austauschen meines Fotos, während der Arbeit am Artikel, über die Änderung der Quellenangabe hinweggekommen sein und habe es jetzt einfach vollständig mit einem Screenshot des Blogs ersetzt, der im Artikel bereits erwähnt wird.

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