Studentin an der Universität Freiburg; zur Zeit wohnhaft in London, der Stadt der langen Arbeitswege, bärtigen Menschen auf Klapprädern, teuren Biere, Messerstechereien und 70er-Jahre-Revival-Outfits, in der jeder zweite Ausländer und deshalb jeder Ausländer zu Hause ist.



Warum Selfies völlig okay sind

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Bearbeitet. Copyright Flickr-User Bi&Me.

Sie sind in aller Munde und auf jedem Smartphone: Selfies. Je mehr Leute das Wort kennen lernen, desto breiter wird es verwendet. Während man bei „Selfie“ früher noch an Selbstportraits vor dem Badezimmerspiegel mit Kussmund und Blitzfunken dachte, werden heute auch lustige Gruppenfotos von Oscar-Stars oder einfach alle Fotos als „Selfies“ bezeichnet. Was bedeutet das? Sind Selfies jetzt cool oder nicht? Und warum stellen wir uns eigentlich so an bei der ganzen Sache?

Selfies müssen heutzutage ironisch gemacht werden, sonst sind sie uncool. Während man vor dem Oscar-Selfie noch seinen Arm verränken musste, um ein möglichst wenig nach Selfie aussehendes Selfie zu schießen, kann man heute ganz offen seinen Arm auf dem Bild sehen lassen – wenn man nur selbstironisch genug an die Sache rangeht. Am besten, man erwähnt im Kommentar zum Bild, dass es sich um ein Selfie handelt, dann ist man auf der sicheren Seite. „Urlaubs-Selfie“, „Cocktail-Selfie“, „Strand-Selfie“, „Gruppen-Selfie“ – das liest man jetzt doch ständig in seinen Social Media Feeds und keiner muss sich mehr schämen. Das finde ich ja eigentlich schön. Ich bin ja auch gegen Scham. Aber warum das ganze Trara?

Wir machen schließlich ständig Sachen, die dem Zweck dienen, uns anderen gegenüber gut zu vermarkten – unsere Kleidung soll den anderen zeigen, wer wir sind und was wir können (oder für die, die das abstreiten: dass uns Kleidung egal ist, was auch eine starke Aussage ist) und die Geschichten, die wir unseren Freunden erzählen (wir reden gerne über Freitag Nacht beim Feiern, oder was die Kollegen auf der Arbeit wieder falsch gemacht haben, aber nicht so gerne über das Wochenende, an dem wir einen Magen-Darm-Infekt hatten, oder wie wir unsere Ex-Partner Nachts angerufen und beschimpft haben) dienen letztendlich zumindest teilweise der Selbstinszenierung. Und das ist auch okay so! Wir sind soziale Wesen, die Meinung der Anderen ist uns wichtig und sie beeinflusst unser Leben auch sehr stark, ob wir es wollen oder nicht. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es ein Zeichen von einem wachen Verstand ist, wenn man sich seiner Außenwirkung bewusst ist und sie, zumindest bis zu einem gewissen Grad, gezielt steuert.

Was ist die Message, die man aussendet, wenn man ständig Selfies postet? Natürlich keine sehr gute. Man interessiert sich zu sehr für sich selbst, man findet sich selbst zu schön, man hat keine Hobbies – das ist es doch, was die Leute denken. In diesem Sinne unterstütze ich natürlich nicht, dass die Menschen andauernd und von überall Bilder von sich selbst aufnehmen und verbreiten. Aber diese allgemeine Verteufelung der armen Selfies erscheint mir doch ungerecht – ein bisschen Eitelkeit darf sein, und im richtigen Maß sind Selfies doch sehr unterhaltsam und auch – nicht zu vergessen! – sehr aussagekräftig und dadurch ein geeignetes Mittel zur Kommunikation. Wenn meine Freunde mir Bilder von ihren trübe dreinblickenden Gesichtern schicken, während ich in der Bahn auf dem Weg zu ihnen mit 20 Minuten Verspätung sitze, dann kann ein Bild mehr sagen als tausend Worte, und so weiter und so fort.

Der Punkt, an dem bei mir der Geduldsfaden reißt, sind ganz normale Fotos, die fälschlicherweise als Selfie ausgewiesen werden. Besonders aufgefallen ist es mir im Kontext des Gruppenfotos unserer Kanzlerin mit der deutschen Nationalmannschaft, aber auch im privaten Digitalumfeld stoße ich häufig darauf. Ein Foto ist ein Foto, gestellt oder spontan, und wer sein Foto als Selfie labelt, um es cooler zu machen oder einfach aus ehrlichem Irrglauben, dass „Selfie“ ein Synonym für „Foto, auf dem auch ich abgebildet bin“ ist, der soll sich bitte aus meinen Newsfeeds heraushalten. Da Platzt mir der Korinthenkackerkragen.

Wer immer noch zweifelt, ob Selfies jetzt cool sind oder nicht, den wird vielleicht dieser Gedanke überzeugen: Affen sind wie Menschen, nur netter – und selbst die machen jetzt Selfies! Also bitte. Alles wunderbar!

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Monkey-Selfie. Copyright Wikimedia Commons.

 

 

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