Brüssel,
Trendblogger-Jahrgang 2012/2013 Goedentag, Bonjour und Hallo aus BRÜSSEL. Irgendwo zwischen urigen Frittenbuden, diversifizierten Bierkneipen, geheimnisvollen Gassen und Europa´s Gemäuern - den Regenschirm darf ich nicht vergessen – verirre ich mich auf dem Nachhause-Weg von der Uni. Die nassen Kopfsteinpflaster glänzen. Die frische Brise von der See kühlt . Wolang weht der Wind hier in Sachen Medientrends? Ein Jahr lang gehe ich auf Entdeckungsreise.


„Man muss nicht der Innovation zuliebe Innovationen schaffen“

Können Fernsehsender Format-Innovationen hervorbringen? Bei einer Veranstaltung des Café Numerique in Brüssel treffe ich Yves Thiran, Chefredakteur für Neue Medien beim öffentlichen Fernsehsender RTBF. Ein Gespräch zeigt: Das Fernsehen muss gar nicht innovativ sein, weil es auch so sehr erfolgreich ist.

 

„Fernseh-Konsumenten sind konservativer: Sie wollen alle vier Jahre die Fußballweltmeisterschaft sehen, alle vier Jahre die Olympischen Spiele und dasselbe Entertainment jeden Freitagabend. Man muss nicht der Innovation halber Innovationen schaffen- ich denke nicht, dass das dem Geist des Fernsehens entsprechen würde.“ © Vincent Diamante, 2007


Nastasja Rykaczewski:
Wie würden Sie die aktuelle Situation des belgischen Fernsehens beschreiben?

Yves Thiran: In Bezug auf neue Technologien gibt es viele Fragen. Zum Beispiel vernetztes Fernsehen: gibt es da eine Zukunft? Sollten wir dahin gehend investieren?
Aber es gibt wahrscheinlich weniger Fragen, als man sich vorstellen würde, weil es dem Fernsehen in Belgien sehr gut geht. Im Wettbewerb mit neuen Medien hat das Fernsehen hier überhaupt nicht zu leiden. Ganz im Gegenteil und zum Erstaunen aller: Die Leute schauen mehr und mehr Fernsehen. Die Konkurrenz der neuen Medien zeigt sich zwar sehr deutlich im Bereich der Printmedien und auch ein wenig im Radio, aber nicht beim Fernsehen.

Yves Thiran

Yves Thiran arbeitet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk RTBF und ist Chef-Redakteur für Neue Medien. © Damien Van Achter, 2008.

N.R.: Wie sieht denn der Umgang mit den neuen Medien aus?

Y.T.: Im Übergang von der linearen zur nichtlinearen Fernsehübertragung weist das Fernsehen eine natürliche Beziehung mit neuen Medien auf. So zum Beispiel ist TV on Demand eine natürliche Evolution des Standard-TVs und das Web bietet den perfekten Raum für diese Entwicklung.
Die Leute im Fernsehen machen sich über diese Entwicklung jedoch keine Sorgen. Noch vor einigen Jahren war das anders: Damals sah man den Veränderungen mit größerer Furcht entgegen.

N.R.: Kann das Fernsehen an die Zukunft anknüpfen?

Es wird kein Stress gemacht, was die Zukunft angeht. Zwei Arten von Akteuren werden in der Zukunft überleben: die Besitzer der Letzten Meile, also der Verbindung mit den Zuschauern, sowie die Besitzer der Rechte für ausgestrahlte Inhalte.

N.R.: Hat das RTBF also eine Überlebenschance?
Y.T.: Das RTBF ist eine große Inhalts-Fabrik und produziert viele eigene Sendungen- somit besitzen wir auch sehr viele Content-Rechte- im Gegensatz zu den Privatsendern. Die kaufen viel mehr Serien und Filme aus dem Ausland.

N.R. Zum Inhalt: Was dominiert die Prime-Time zurzeit bei RTBF?

Y.T.: Die Trends sind nicht wirklich spezifisch für Belgien und ähneln den weltweiten Trends: Serien wie The Mentalist, Homeland und Ähnliches erfreuen sich einer sehr großen Nachfrage. Dann gibt es alle Jahre wieder Kochprogramme, Familien-Entertainment-Shows. Wir in Belgien, ähnlich wie in anderen Ländern,  folgen eher den internationalen Trends, als dass wir eigene kreieren. Reality TV wie Big Brother oder die Star Academy nehmen nationale TV-Märkte für sich ein, den belgischen Markt mit eingeschlossen.

N.R.: Wie sieht es denn mit dem Erfolg eigener Programme aus?
Y.T.: Wir produzieren unsere lokalen Serien seit etwa fünf Jahren. Natürlich sind sie bei weitem nicht so erfolgreich wie importierte Serien wie The Mentalist. Aber wir planen, zukünftig noch stärker in die eigene Produktion zu investieren und unser Publikum mehr und mehr an diese Serien zu gewöhnen. Ich denke, das Fernsehen kann mit der Zeit einen Habitus unter Zuschauern entwickeln. Aber das gehört der Zukunft und die können wir nicht vorhersehen. Zum Glück sind wir flexibel und können das Programm relativ  kurzfristig anpassen an zeitgemäße Trends.

N.R.: Das Internet und das Fernsehen: wie sollte die Zusammenarbeit aussehen? Sollte das TV ins Netz integriert werden oder sollte es mehr Interneteinbindungen im TV geben?

Y.T.: Das hängt davon ab, wie man Internet interpretiert. Wenn man es als eine IP-Adresse betrachtet, wird alles auf irgendeine Art und Weise IP sein. Man wird über das Internet fernsehen- und zwar ein durch das TV produziertes Programm.

N.R.: Das Fernsehen wird sich in der Zukunft nur durch sein Ausstrahlungsmedium unterscheiden?

Y.T.: Natürlich wird es auch einen technologischen Wandel geben: Zunehmend mehr Low-Cost Produktionen, statt hochwertiger, aufwendiger und teurer TV-Technologie. Aber dieser Wandel findet im Fernsehen ohnehin schon statt- so werden zum Beispiel zunehmend günstige Aufnahmen mit einer Canon D5 auch im TV verwendet.

Somit bleibt der Inhalt derselbe, ob man ihn nun durch das Internet oder über das traditionelle Fernsehen im Wohnzimmer anschaut. Ich sehe darin eine konvergente Erfahrung für die Zuschauer. Ob Fernseher oder Computer, es handelt sich in beiden Fällen um Projektionsflächen für Bilder. Entscheidend sind die Inhalte. Und diese produziert das Fernsehen.

N.R.: Das Internet bietet aber noch etwas Anderes: Interaktion mit dem Publikum.

Y.T.: Meine Meinung dazu ist: Interaktion ist zu 99% Bullshit. Ich glaube nicht, dass man durch Interaktion einen Mehrwert erlangen kann. Man kann es als einen Gimmick betrachten, wenn während einer Sendung Twitter-Nachrichten eingestrahlt werden. Diese Gimmicks bringen tatsächlich nichts an Mehrwert und verändern auch nichts an der Produktion von TV-Programmen.

N.R.: Wird denn im Fernsehen überhaupt nach Medieninnovationen gesucht?

Y.T.: Man ist neugierig auf das, was neu ist. Aber man ist nicht besessen von der Idee, die nächste Innovation liefern zu wollen…

N.R.:…Weil keine Nachfrage danach besteht?

Y.T.: …Weil die Fernseh-Konsumenten konservativer sind: Sie wollen alle vier Jahre die Fußballmeisterschaft sehen, alle vier Jahre die Olympischen Spiele und dasselbe Entertainment jeden Freitagabend. Man muss nicht der Innovation zuliebe Innovationen schaffen- ich denke nicht, dass das dem Geist des Fernsehens entsprechen würde.

 

5 KOMMENTARE , GEBE EINEN KOMMENTAR AB

  1. Ein wirklich sehr schönes Interview! Es wirklich interessant, wie sich der Chefredakteur des Bereiches „Neue Medien“ sich über die Einbindung der neuen Medien in das Fernsehen äußert.
    Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass der Fernsehzuschauer derart konservativ ist. Es bleibt ihm nur wahrscheinlich nichts anderes übrig. Wollen die Zuschauer wirklich jeden Freitagabend dasselbe Entertainment vor die Nase gesetzt bekommen? Da in Deutschland zB nur 6.000 Haushalte das Programm für die ganze Bundesrepublik bestimmen, erscheint mir eine solche Äußerung mehr als fragwürdig. Ein anderes System zur Qualitätsmessung würde meiner Meinung nach ein völlig neues Licht auf das TV-Programm und auch den angeblich so bekannten Fernsehzuschauer werfen.

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