Berlin,

Trendblogger-Jahrgang 2013/2014
Hej! Schweden – das Land im Norden Europas weckt viele Assoziationen. Doch das skandinavische Königreich hat neben Elchen, Pippi Langstrumpf und IKEA noch viel mehr zu bieten. Als Erasmus-Studentin studiere ich für zwei Semester in der Hauptstadt Stockholm Politikwissenschaft. Stockholm ist das Epizentrum dieses vor Innovationen strotzenden Landes. Hier schlägt nicht nur das politische und kulturelle Herz Schwedens – auch die neuesten Medieninnovationen nehmen von hier aus ihren Weg in die Welt. Kein Wunder: In Stockholm herrscht eine sehr hohe Dichte an jungen Start-Ups und Internetunternehmen. Als Trendbloggerin werde ich in den nächsten 10 Monaten die neuesten Medientrends aufspüren und sie mit euch teilen. Ich freue mich sehr über all eure Reaktionen, Meinungen, Kommentare, Fragen und Anregungen!



Game Over? Wagt den Neustart des Internets!

Die massenhafte Internetüberwachung ist nicht greifbar. Vielleicht formiert sich auch deshalb so wenig politischer Protest dagegen. Die Initiative „Reset the Net“ möchte das ändern: Internet-Aktivist_innen wollen die User im Netz vor Geheimdiensten schützen. Über den Aufruf zur kollektiven Verschleierung im Internet.

Schluss mit dem Jammern und dem Klagen: Die DIY-Strategie, also Dinge selbst in die Hand zu nehmen, hat erwiesenermaßen immer noch den größten Effekt. Warum sollte dies nicht auch für das  erfolgreiche Abwehren gegen die massive Überwachung und Datenabschöpfung jedes einzelnen Users im Internet gelten?

Die Initiative „Reset the Net“ möchte genau zu diesem vom User direkt ausgehenden Protest gegen massive Datenausspähung aufrufen. Da die meisten User wahrscheinlich zwar ein Interesse an der Verschleierung ihrer selbst im Netz, aber keinerlei konkreten Plan haben, dies umzusetzen, gibt „Reset the Net“ auf ihrer Website den gewillten Protestler_innen einen Bauchladen an nützlichen Instrumenten an die Hand. So kann der Protest selbst zusammengebastelt werden: Es gibt eine ganze Fülle von Tools und Apps, die dank ihrer angeblich einfachen Bedienung es jedem User möglich machen sollen, sich gegen Datenausspähung im Internet zu schützen.

„That’s why I am excited for Reset the Net – it will mark the moment when we turn political expression into practical action, and protect ourselves on a large scale.“ – Edward Snowden

Die Bedienungsanleitung für die digitale Verschleierung

Das Tempo im Internet ist hoch, die Aufmerksamkeit begrenzt und die Sprache im besten Fall sehr kurz, das wissen die Aktivist_innen von „Reset the Net“ selbstverständlich. Und so bringen sie ihr Vorhaben auf eine einfache Formel: Auf ihrer Website liefern sie eine Bedienungsanleitung für die digitale Verschleierung in drei Schritten.

Erstens: Das Problem

Dank Edward Snowden sollte der digitalen und analogen Welt mittlerweile klar eines deutlich geworden sein: Der amerikanische Geheimdienst NSA nutzt unzureichend verschlüsselte Links im Internet und das Netz flächendeckend auszuspionieren und zu überwachen. Dadurch wird das Internet – unser aller täglich Brot, der Raum unseres virtuellen Ichs – von etwas, das wir lieben und schätzen zu etwas, das wir nie wollten: Einem Panopticon. Interessanterweise jährt sich der Todestag des französischen Philosophen Michel Foucault zum 30. Mal. Er hat bereits vor knapp 40 Jahren mit „Überwachen und Strafen“ eine umfassende Analyse zur Überwachung in Gefängnissen geschrieben – ein Werk, das in der heutigen Zeit problemlos als eine Kritik auf die massive Ausspähung im Internet gelesen werden kann.

Zweitens: Die Lösung

Die Aktivist_innen dämpfen einige Erwartungen, in dem sich feststellen müssen, dass zwar nicht „targeted attacks“ – damit sind gezielte Spähangriffe auf bestimmte User, Firmen oder Organisationen gemeint – verhindert werden können, wohl aber die massenhafte Überwachung des Internets.

Drittens: Der Plan

Nun geht es ans Eingemachte: Die Verschleierung erfordert schließlich einiges an Eigeninitiative. Die User werden aufgerufen, sich hunderte (!) von Internetseiten zuzulegen und Apps zu installieren, um die persönliche Sicherheit im Netz zu erhöhen.

Reset the Net Foto

Prominente Unterstützung durch große Internetkonzerne

Wirklich beachtlich und lobenswert an der Initiative ist die Unterstützung, die „Rest the Net“ durch prominente Internetkonzerne eingeholt hat. Diese haben nämlich im Vorfeld erst die Tools und Apps entwickelt und für den kollektiven Protest bereitgestellt. Diese Tools kommen unter anderem von so manchem Namen, den man in solch einer Initiative nicht erwarten würde: So steuert Google der Initiative Tools und Programme zur erfolgreichen Email-Verschlüsselung bei. Auch Dropbox beteiligt sich an der Aktion: So heißt es – etwas nebulös verkürzt – „Dropbox möchte bessere Sicherheitspraktiken fördern“.

Andere Partner des Projekts sind die NGO Greenpeace, die ihre Mitglieder zur Unterstützung der Initiative aufrufen und einfach anwendbare Verschlüsselungs-Tools zur Verfügung stellen möchte, oder tumblr., WordPress.com und mozilla.

 Die große Frage: Kann ein kollektiver Protest ohne kollektive Wut funktionieren?

Trotz dieser vielfältiger Unterstützung und diverser Tools, die es dem User leicht machen sollen, sich im Internet erfolgreich geen Ausspähung zu schützen, bleibt die Frage: Wird der User dies auch tun? Wird er sich aus seiner Comfort Zone herausbewegen und die Anstrengung unternehmen? Denn eines ist doch klar: Ein digitaler Protest kommt nicht aus ohne ein wenig Einarbeitungszeit und Bereitschaft, sich durch den Dschungel der Tools, Apps und Programme zu wühlen. Sitzt der Frust und die Wut über die massenhafte Überwachung im Netz tief genug, so kann die kollektive Verschleierungsaktion gelingen. Geht die Empörung über die flächendeckende Datenspionage allerdings im lauten und alltäglichen Rauschen des ewigen Belanglosen und Schnelllebigen des Internets (wieder) unter, so bleibt die Wut und der Protest von „Reset the Net“ nur eine Randerscheinung auf der großen Netz-Spielwiese.

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