Trendblogger-Jahrgang 2012/2013
„Welkumma en unsrem scheena Strossburi“ heißt es für mich. Der Dialekt verrät es bereits: Aus dem Herzen Frankreichs werde ich nicht schreiben. Dafür allerdings aus dem Herzen Europas: Mit ihren vielen europäischen Institutionen bezeichnet sich Straßburg nämlich selbst als „Hauptstadt Europas“. Der Job hat mich über die Grenze verschlagen und wegen der Vielfältigkeit der kulturellen Einflüsse bin ich geblieben. Beste Voraussetzung also, um nicht nur über französische sondern auch über europaweite Medientrends zu berichten.



WeChat – der neue Kommunikations-Allrounder aus China

Kommt die neue Medieninnovation und möglicher Facebook-Konkurrent aus China?

Bisher war China eher dafür bekannt, globale Internetphänomene wie Facebook, Google und Twitter zu kopieren und für den chinesischen Markt kompatibel zu machen. Das könnte sich nun ändern. Mit dem Dienst „WeChat“ kommt ein Kommunikations-Allrounder aus dem Reich der Mitte, der es darauf anlegt, sich auf dem Weltmarkt durchzusetzen. Das Bestechende: Er vereint einzelne Kommunikations-Tools, wie wir sie von Facebook, Skype oder WhatsApp kennen, zu einem einzigen Allround-Dienst. Kommt die neue Medieninnovation und möglicher Facebook-Konkurrent also aus China?

Anfang 2011 unter dem Namen „Weixin“ in China gestartet, heißt der Dienst seit April 2012 „WeChat“ und zeigt, in welche Richtung es gehen soll: Raus aus dem chinesischen Markt und rauf aufs internationale Parkett. „Weixin“ heißt übersetzt soviel wie Mikrobotschaft, doch hinter diesem Wort verbirgt sich Großes, nämlich maximale Kommunikation. Der Dienst ist „einer für alle“, indem er verschiedene Kommunikationstools zu einem Allrounder verschmelzen lässt. Es sind damit „VideoCalls“, wie man sie von Skype kennt, möglich. Die Funktion „Moments“ erinnert an die Foto-Sharing-App „Instagram“, und „Shake“ ist ein Äquivalent zu „Bump“, mit dessen Hilfe sich Kontaktdaten durch einfaches Schütteln der Handys austauschen lassen. Darüber hinaus gibt es einen „WebChat“ und einen „GroupChat“, und falls die gewünschte Person, mit der man sich gerade unterhalten wollte, nicht erreichbar ist, kann man ihr per „VoiceChat“ eine gesprochene Nachricht hinterlassen. „Look Around“ ist ähnlich wie dem standortbezogenen sozialen Netzwerk „Foresquare“ gestaltet, mit dem man seine Freunde darüber informieren kann, wo man sich gerade aufhält. Und Zufallsbekanntschaften kann der User mit der Funktion „Drift a bottle“ machen: Wie bei einer Flaschenpost kann man Botschaften in das virtuelle Datenmeer werfen, die dann von einer beliebigen Personen herausgefischt werden können.
Statt vieler einzelner Apps und Kommunikationsarten verspricht „WeChat“ die komplette Bandbreite von Mikrobotschaften in einem einzigen Dienst: Ob allein oder in der Gruppe, per Video oder Foto, in direktem Kontakt oder über eine hinterlassene Nachricht, mit Bekannten oder Unbekannten – die Botschaften lassen sich auf allen erdenklichen Kommunikationswegen austauschen.

Rasanter Anstieg bei den User-Zahlen

Und dies scheint anzukommen. Die Anzahl der Nutzer von „WeChat“ ist rasant gestiegen. Waren es im März 2012 noch 200 Millionen User, nutzen den Dienst derzeit angeblich schon 300 Millionen Menschen – ein Wachstum um die Hälfte in ca. neuen Monaten. Zum Vergleich: Facebook schaffte den Sprung von 200 auf 300 Millionen Nutzern innerhalb von drei Monaten. Das war im Jahr 2009. Allerdings existierte Facebook damals bereits seit einigen Jahren.

Kommt die neue Medieninnovation und möglicher Facebook-Konkurrent also aus China?

Dass es den Dienst „WeChat“ seit April 2012 auf Englisch gibt, zeigt klar, dass das Produkt auf dem internationalen Markt Fuß fassen soll. Das ist neu. Denn die bisherigen chinesischen Kommunikationsdienste wie das soziale Netzwerk Renren oder auch die Suchmaschine Baidu schienen den reinen Zweck zu haben, als Äquivalent zu westlichen Kommunikationsdiensten den chinesischen Markt zu bedienen. Den gleichen Schritt in Richtung internationaler Ausrichtung macht nun auch der chinesische Microblogging-Dienst „Sina Weibo“. Bereits 2009 gegründet, gibt es den Dienst seit Anfang Januar dieses Jahres (noch stark ausbaufähig) mit englisch sprachiger Benutzeroberfläche.
Hat „WeChat“ zusätzlich zum Willen auch die Fähigkeit sich auf dem internationalen Markt durchzusetzen? Leider gibt das Internetunternehmen Tencent, zu dessen Produkten „WeChat“ zählt, auf Nachfrage keine Antwort darüber, wie sich das Wachstum von „WeChat“ in den einzelnen Regionen entwickelt. Doch genau diese Zahlen wären interessant für eine Einschätzung wie und wo „WeChat“ genutzt wird. Wissenswert wäre die Entwicklung der Nutzerzahlen außerhalb Chinas bzw. außerhalb Asiens und wie weit verbreitet „WeChat“ bereits auf dem europäischen bzw. auf dem US-Markt ist. Dass man nur mit einer auf den asiatischen Markt ausgerichteten Version seines Dienstes eine beachtliche Nutzerzahl erreichen kann, zeigte Sina Weibo. Der Microblogging-Dienst hatte nach eigenen Angaben im ersten Quartal 2012 ebenfalls über 300 Millionen Nutzer – damals existierte noch keine englischsprachige Version des Dienstes. Wenn „WeChat“ angeblich 300 Millionen Nutzer verzeichnet, könnte diese beachtliche Angabe auch ohne eine große englischsprachige Userzahl erreicht worden sein.

Es bleibt zudem abzuwarten, ob ausländische Nutzer den Dienst annehmen und dem chinesischen Zensurregime wirklich trauen. Auch von chinesischen Dissidenten wird die Sicherheit des Dienstes angezweifelt. Im Januar dieses Jahres wurden bereits erste Vorwürfe laut, Nachrichten würden zensiert. So berichtet „techinasia“, dass sich Nachrichten mit bestimmten Inhalten nicht verschicken ließen. Die Fehlermeldung: „The message you have sent, contains restricted words”. An eine technische Störung, wie es das Internetunternehmen Tencent, zu dessen Produkten „WeChat“ zählt, aussehen lassen möchte, will man bei dieser Wortwahl kaum glauben.

Bild: Screenshot der Seite von „WeChat“

2 KOMMENTARE , GEBE EINEN KOMMENTAR AB

  1. Ich verwende selber Wechat seit über einem Jahr und bin von dem Funktionsumfang begeistert. Sollte Tencent wirklich den europäischen Markt angreifen – und das ist angesichts der deutschen Version 5.0 wahrscheinlich schon bald) wird Whatsapp alt aussehen.

    Besonders bemerkenswert finde ich an der App die sozialen Funktionen wie „Look Around“. Mit ihnen kann man anzeigen lassen, welche anderen Nutzer sich im Umkreis von zehn Kilometer befinden und ebenfalls die Look Around-Funktion verwenden. Ich hab das auf meinen Reisen immer wieder genutzt, auch ausserhalb China. (Siehe dazu auch meinen Blog…)

  2. Was Weixin so erfolgreich macht, sind in der Tat dessen innovativen Features: Es ist ein wenig wie Skype, Foursquare, Facebook in einem. Und darüber hinaus gibt es noch viele, weitere Funktionen, die bei westlichen Netzwerken nicht vorhanden sind: neun Online-Spiele, Geolocation Services, einen Scanner, der dabei hilft, chinesische Texte ins Englisch zu übersetzen, ein gewaltiges Angebot an Emoticons…

    In meinem Blogpost vom 31.12.2013 erzähle ich mehr dazu: http://socialmedia-blog.net/china/das-wird-2014-wichtig-werden/