Strasbourg,

Trendblogger-Jahrgang 2012/2013
„Welkumma en unsrem scheena Strossburi“ heißt es für mich. Der Dialekt verrät es bereits: Aus dem Herzen Frankreichs werde ich nicht schreiben. Dafür allerdings aus dem Herzen Europas: Mit ihren vielen europäischen Institutionen bezeichnet sich Straßburg nämlich selbst als „Hauptstadt Europas“. Der Job hat mich über die Grenze verschlagen und wegen der Vielfältigkeit der kulturellen Einflüsse bin ich geblieben. Beste Voraussetzung also, um nicht nur über französische sondern auch über europaweite Medientrends zu berichten.



„That‘s all folks“ – Aus für die Info-Website Owni.fr, die durch ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks international bekannt geworden war

That`s all folks: So verkündet owni.fr das Aus für die Website.

That`s all folks: So verkündet owni.fr das Aus für die Website.

Am 21. Dezember letzten Jahres ging die Welt zwar nicht unter wie nach dem Maya-Kalender prognostiziert, doch für die bekannte französische Info-Website Owni.fr bedeutete dieses Datum das vorläufige Aus. Der Grund: Zahlungsunfähigkeit.

Der Name Owni.fr („objet web non identifé“), also unbekanntes Web-Objekt, leitet sich vom frz. Wort für UFO („objet volant non identifé“) ab. Die Seite mit dem Wortspiel im Namen wurde 2009 als „pure player“ gegründet. Sie existierte als eine Art „Non-Profit-Laboratorium“ der Mediengesellschaft „22mars“ und sollte sowohl unabhängig als auch frei zugänglich sein, d.h. gratis und ohne Werbung auskommen. Trendbloggerin Mareike Schönherr hat im November-Dossier das Finanzierungsmodell von Owni.fr vorgestellt und schon damals konstatiert:

„Aller Berufsethos in Ehren: Ohne Einnahmen arbeitet es sich schlecht. Der Blogger und Gründer des Magazins, Nicolas Voisin, verfolgt ein Modell zur Finanzierung der journalistischen Arbeit, das nicht gewinnorientiert ist.“

"Warlogs"

„Warlogs“

Einen Monat später mussten die Macher der Website vorerst ihre Arbeit aufgeben. Der Grund: Zahlungsunfähigkeit. Das ist schade. Denn die Seite war über die Grenzen Frankreichs für ihre Innovationen und grafisch aufbereiteten Recherchen populär. Besonders durch die Zusammenarbeit mit „Wikileaks“ war Owni.fr international bekannt geworden: Mit „Warlogs“ wurde eine Art Kriegstagebuch der Kriege im Irak und Afghanistan veröffentlicht. Darin enthalten: eine Sammlung von fast 400.000 geheimen Dokumenten über den Irakkrieg bzw. knapp 77.000 Dokumenten über den Krieg in Afghanistan. Unter „Spyfiles“ wiederum wurden Hunderte Dokumente und Unterlagen über die Überwachungsindustrie aufbereitet und der Öffentlichkeit gesammelt zugänglich gemacht. 2010 und 2011 hat die Website zudem den „Online Journalismus Award“ in der Kategorie „General Excellence in Online Journalism-Non-English, Small Site“ gewonnen.

Archiv weiterhin zugänglich

Nicht nur internationale, sondern auch Frankreich bezogene Themen hat Owni.fr immer wieder informativ und übersichtlich aufbereitet: Während der französischen Präsidentschaftswahlen 2012 gab es beispielsweise den „véritomètre“, der Aussagen der Politiker einem Faktencheck unterzog. Diese und weitere Analysen von Owni.fr bleiben als Archiv weiterhin zugänglich.

To be or not to be

Bis zuletzt hatten die Macher versucht, Owni.fr zu retten. Unter #ownioupas, per Mail oder per Wiki konnten Internetnutzer Ideen für die Zukunft von Owni.fr diskutieren, sowie für den Erhalt der Seite spenden. Leider reichte das nicht aus. Am 21. Dezember letzten Jahres musste die Inhabergesellschaft von Owni.fr ihre Zahlungsunfähigkeit verkünden:

„Für die Gesellschaft OWNI SAS wurde heute morgen, am 21.12.2012, eine Zahlungsunfähigkeitserklärung eingereicht und ein Verfahren zur Auflösung der Gesellschaft eingeleitet.“

Noch hegt man Hoffnung auf ein Weitermachen – wie und wo bleibt offen. Am Ende der Erklärung, die auf Owni.fr zu finden ist, steht:

„Wir lösen uns auf. Aber ihr könnt Euch sicher sein, dass wir uns wieder einmal über den Weg laufen werden. Wir sind nicht bereit, mit dem aufzuhören, was wir gerne tun. Hier oder wo auch immer.“