Amsterdam,

„Journalism, Media and Globalization“ heißt der Studiengang für den ich vor zwei Jahren meiner Heimat Köln den Rücken gekehrt habe. Gemeinsam mit 70 Kommilitonen aus über 50 Nationen zog ich los um zu verstehen wie Journalismus in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts funktionieren wird. Drei Unis, zwei Länder und unzählige Seminare später weiß ich, das es keine klare Antwort gibt. Was es gibt sind Trends: Ideen, Projekte und Innovationen um auf die veränderten Rahmenbedingungen der Medienwelt zu reagieren. Aus Amsterdam werde ich für die Trendblogger nach solchen Innovationen Ausschau halten. Und wer weiß; vielleicht finden wir ja doch noch eine Antwort



‚Substanz‘: Die journalistische Antwort auf ‚I-fucking-love-Science‘

„Der digitale Wandel ist eine Geschichte des Aufbruchs, nicht des Verlusts“ meinen Georg Dahm und Denis Dilba. Mit dem Magazin ‚Substanz‘ wollen sie den Wissenschaftsjournalismus revolutionieren.

Georg Dahm und Denis Dilba Foto: Fail Better Media

Georg Dahm und Denis Dilba
Foto: Fail Better Media

„I fucking love science“ sagte sich die britische Bloggerin Elise Andrew im März 2012, gründete eine gleichnamige Facebook-Seite und wurde damit im Handumdrehen berühmt. Knapp 17 Millionen Menschen haben ihr seitdem zugestimmt. Das darf man sich gerne noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: 17 Millionen Menschen die sagen „verdammt nochmal, ich steh auf Wissenschaft“.

Woher kommt der Erfolg dieser Seite, die ihre Follower täglich mit einer Mischung aus Chemiker-Witzen, Zitaten und Wissenschafts-Nachrichten versorgt? Trotz, ist eine mögliche Antwort. Denn in der öffentlichen Wahrnehmung ist Wissenschaft häufig das Gegenteil von Unterhaltung. Im Elfenbeinturm wird nicht gelacht! Dann eben hier, bei Facebook, scheinen sich die „I-fucking-love-science“-Follower zu sagen.

Der Erfolg der Seite scheint wie eine Abrechnung mit dem Klischee von Wissenschafts-Nachrichten als dröge und realitätsfern. Und er zeugt von einer Unzufriedenheit mit der medialen Aufbereitung wissenschaftlicher Nachrichten, die irgendwo zwischen diesem Klischee und gelegentlichen Kuriositäten festgefahren ist.

Diese Unzufriedenheit teilen auch die Journalisten Georg Dahm und Dennis Dilba und haben daher das Wissenschaftsmagazin ‚Substanz‘ ins Leben gerufen. Ähnlich wie Elise Andrew sind sie überzeugt, dass Wissenschaft unterhaltsam seien kann. Anders als Andrew, meinen sie damit keine Chemiker-Witze oder Einstein-Memes sondern innovativen Qualitätsjournalismus.

Dass Innovation von Nöten ist, haben Dahm und Dilba am eigenen Leibe erfahren, schließlich waren sie dabei als im Jahr 2013 die deutsche Ausgabe des New Scientists zu Grabe getragen wurde. Anstatt den Wissenschaftsjournalismus aufzugeben, gründeten die Beiden selbstironisch die „Fail Better Media GmbH“ und gehen jetzt mit ‚Substanz‘ in die Offensive.

Foto: Georg Dahm

Vom alten Journalismus bleibt dabei nur wenig übrig: Substanz wird es als erstes kostenpflichtiges Magazin nur als Web- & IOS-App geben. Finanziert wird das Projekt nur zu einem kleinen Teil durch Werbung, hauptsächlich jedoch durch zahlende Leserschaft. Diese hob das Projekt im März über die Crowdfunding-Schwelle indem sie Abo’s für ein Magazin kauften, das es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Aus der waghalsigen Idee wurde so ein reales Projekt.

Mittlerweile sind die ersten Geschichten in Arbeit, die technische Arbeit an der App ist fast abgeschlossen. Die Website verspricht: Bald geht es los, „Substanz wird ein Sommerkind“. Ob es auch ein Erfolgskind wird, wissen zur Zeit nicht einmal die Gründer. Zuversicht scheint allerdings angebracht. Denn das Magazin reformiert genau an den Stellen, an denen es am dringendsten notwendig ist.

Es will bewusst verlangsamen, anstatt mit den Anderen um die Wette zu hetzen. Bei Substanz gibt es nur einmal pro Woche Stories „die in Ruhe erzählt werden wollen“. Diese sollen dafür nicht nur gut recherchiert, sondern auch innovativ erzählt sein. „Jede Story von Anfang an digital zu denken“, so lautet das Versprechen der Redakteure. Besonders für komplexe wissenschaftliche Stories ist das eine vielversprechende Aussicht.

Vielleicht schafft ‚Substanz‘ es ja tatsächlich, den Wissenschaftsjournalismus aus seiner momentanen Nische zu befreien. Dafür liegt es jetzt an den Redakteuren ihre großen Versprechen einzulösen. Denn an fehlendem Interesse in der Bevölkerung wird das Projekt nicht scheitern, „they already fucking love science“.

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