Strasbourg,

Trendblogger-Jahrgang 2012/2013
„Welkumma en unsrem scheena Strossburi“ heißt es für mich. Der Dialekt verrät es bereits: Aus dem Herzen Frankreichs werde ich nicht schreiben. Dafür allerdings aus dem Herzen Europas: Mit ihren vielen europäischen Institutionen bezeichnet sich Straßburg nämlich selbst als „Hauptstadt Europas“. Der Job hat mich über die Grenze verschlagen und wegen der Vielfältigkeit der kulturellen Einflüsse bin ich geblieben. Beste Voraussetzung also, um nicht nur über französische sondern auch über europaweite Medientrends zu berichten.



Nichts als die Wahrheit – mit dem „véritomètre“ die Glaubwürdigkeit von Politikern messen

Glaubwürdigkeit ist Trupf: Politikercheck mit dem „véritomètre“ ...

Glaubwürdigkeit ist Trupf: Politikercheck mit dem „véritomètre“ …

Mit der Wahrheit nehmen es viele Politiker nicht immer allzu genau: Gerade in Wahlkampfzeiten werden Daten geschönt, imposante Zahlen hervor geholt, und es wird von angeblichen Fakten gesprochen. Glaubwürdigkeit ist Trumpf, dachten sich die Macher von „véritomètre“ und überprüften bei den letztjährigen Präsidentschaftswahlen in Frankreich die Aussagen der Kandidaten auf ihre Richtigkeit. Ein Projekt, das spannend für die diesjährige Bundestagswahl in Deutschland sein könnte.

„In Deutschland liegt die derzeitige Arbeitslosigkeit bei 6,5 %“ erklärte der damalige französische Präsidentschaftskandidat François Hollande in einem Fernsehauftritt Anfang Mai 2012. „Falsch“ lautet die Überprüfung durch das Internetportal „véritomètre“. Die Arbeitslosigkeit lag in Deutschland damals bei „nur“ 5,6 %. Die Quelle: Eurostat, das Statistische Amt der Europäischen Union. Alle falschen Aussagen und unpräzisen Formulierungen in dieser Fernsehdebatte zusammengezählt, lag die Glaubwürdigkeit von Hollande bei 58 % und damit höher als bei Gegenkandidat Sarkozy. Dieser schaffte es nicht mal auf 50 %.

Glaubwürdigkeit ist Trumpf

Die Bilanz: Hollande war glaubwürdiger als Sarkozy.

Die Bilanz: Hollande war glaubwürdiger als Sarkozy.

„Fact-checking“ nennt sich das, was das Internetportal „véritomètre“ während des französischen Präsidentschaftswahlkampfes machte – die Aussagen der Politiker auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Einzelne Zitate wurden mit Statistiken abgeglichen und die Ergebnisse in drei Kategorien eingeteilt: wahr (100 %), falsch (0 %), unpräzise (50 %). Zusammengerechnet ergab sich für jede Debatte ein Glaubwürdigkeitswert für jeden einzelnen Politiker. Der interessierte Bürger konnte damit während des Präsidentschaftswahlkampfes genau verfolgen, welcher Politiker was, wann und wie erklärte und vor allem wie genau er es dabei mit der Wahrheit nahm. Die Idee dahinter: Glaubwürdigkeit ist messbar und nicht nur reine Gefühlssache und ausschlaggebend für die Wahlentscheidung.

Datenjournalist Nicolas Patte erklärt: „Die Frage nach dem Vertrauen ist für das Verhältnis des Bürgers zum Politiker entscheidend. An die Staatsspitze wählt man eine Persönlichkeit, die weder lügt noch täuscht, weil sie durch ihr Amt fünf Jahre lang den Moralvorstellungen seiner Bürger verpflichtet ist.“ Patte publizierte bei owni.fr, einem offenen Think Tank, der das Projekt „véritomètre“ ins Leben rief. Owni.fr musste im Dezember letzten Jahres aufgrund von Zahlungsunfähigkeit seine Arbeit aufgeben.

Um die Bürger umfassend zu informieren, wurde die Glaubwürdigkeit der einzelnen Kandidaten für jede geführte wichtige Debatte sowie in der Gesamtbilanz dargestellt. Gleichzeitig standen den Lesern verschiedene Statistiken zu Themen wie Wirtschaft, Bildung oder Immigration zur Verfügung. Ziel: Der mündige Bürger muss nicht mehr passiv dem Polittheater zusehen.

„véritomètre“ – interessant für den diesjährigen Bundestagswahlkampf

In Deutschland ist dieses Jahr Bundestagswahlkampf. Der Einsatz einer deutschen Variante von „véritomètre“ wäre da durchaus spannend. Denn auch dieses Jahr sollen sich die Kandidaten wieder in einem Duell im Fernsehen gegenüberstehen – über die Form wird derzeit noch gestritten. Bisher überbieten sich die Medien nach einem solchen TV-Duell gerne darin, die Souveränität der Kandidaten beurteilen zu wollen: Das Puder von Frau Merkel war zu trocken, die Haut faltiger als auf den Werbeplakaten schrieb etwas FAZ.net nach der Fernsehdebatte zwischen Merkel und Steinmeier 2009. Die Online-Ausgabe der Zeit sprach davon, dass sich Kanzlerkandidat Steinmeier erstaunlich schlagkräftig und Merkel überraschend nervös gezeigt hätten.
Ein zusätzlicher Fakten-Check, so wie es „véritomètre“ in Frankreich vorgemacht hat, wäre da wünschenswert. Denn damit würde es weniger um Äußerlichkeiten gehen und darum, wie die Kandidaten sich präsentieren. Vielmehr würden Inhalt und Glaubwürdigkeit der Kandidaten in den Vordergrund rücken.

Bilder: Screenshot der Seite „véritomètre“, Januar 2013

11 KOMMENTARE , GEBE EINEN KOMMENTAR AB

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  2. Liebe Karin,
    das ist ja wirklich ein tolles Projekt! Danke für diesen Artikel. Ich hoffe, dass wir Ähnliches im Laufe des Jahres in Deutschland zu sehen kriegen. Eine Netzgemeinde, die in der Zwischenzeit regelmäßig Plagiate in Doktorarbeiten aufdeckt, bekommt so etwas doch locker hin.
    Ich hätte den Vorschlag für ein solches Projekt evtl. den Piraten zugetraut, aber die sind ja gerade anderweitig beschäftigt…
    Daumen hoch!

      • Ich fand es spannend zu sehen, wie sich das Projekt von owni.fr entwickelt hat und v.a. dass Mareike sehr vorrausschauend das Geschäftsmodell von owni.fr kritisiert hatte.

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