Julian Heck ist Lokal- und Medienjournalist. Der Journalist aus Südhessen bei diversen Auftraggebern in Online- und Offline-Publikationen veröffentlicht und ist bundesweit als Dozent tätig. Im Institut für Kommunikation in sozialen Medien (ikosom) beschäftigt er sich mit Journalismus und Crowdfunding. Seine Blogs: ausgeheckt.com, lokalblogger.de, entrepreneurial-journalism.de. Auch auf Twitter (@julianheck) lässt er sich täglich aus.



Google schickt Jung & Naiv auf Europatour

Tilo Jung hat es geschafft, kurz vor Schluss. Die 15.000 Euro-Schwelle beim „Jung & Naiv goes Europe“ – Crowdfunding wurde übertroffen, dank Google Deutschland. What? Dieser Internetriese? Genau! Aber: Warum bloß?

Screenshot: www.krautreporter.de/de/JungNaivEurope

Google gibt den entscheidenden Schub. Screenshot: www.krautreporter.de/de/JungNaivEurope

Der Journalist Tilo Jung wird im Rahmen der Europawahl mit seinem Video-Interview-Format Jung & Naiv durch Europa touren und Menschen vor Ort interviewen, wie es ihnen in diesem Europa geht und ergangen ist seit der letzten Wahl. Dass er seine Tour machen darf, hat er sozusagen Google zu verdanken. Gut, nicht ganz. Aber irgendwo doch. Heute, am letzten Tag seiner Crowdfunding-Phase, schien es nämlich ziemlich knapp zu werden. 1.500 Euro haben in den letzten 12 Stunden noch gefehlt, also 10 Prozent der gesamten Finanzierungssumme. Obwohl Tilo noch einige Unterstützer akquirieren konnte, schien es eine verdammt enge Sache zu werden. Und dann kam Google und hievte „Jung & Naiv goes Europe“ deutlich über die Crowdfunding-Schwelle von 15.000 Euro.

Google und Jung & Naiv – da war doch was? Richtig, Google hat das Interview-Format von Tilo Jung im Rahmen der Bundestagswahl auf seine Plattform geholt und gesponsert. Damals kam eine große Diskussion auf, ob das moralisch in Ordnung ist: Sollte man sich als unabhängiges, innovatives Politikformat von einem Internetriesen, der Datenkrake schlechtin, sponsern lassen? Welchen Einfluss hat der Konzern dann plötzlich und wie geht man mit Themen um, in denen Google eine Haupt- oder Nebenrolle spielt? Martin Giesler hatte damit beispielsweise ein großes Problem. Er würde seine Arbeit nicht von Google bezahlen lassen.

Jetzt mischt Google unvorhersehbar wieder beim jungen Tilo mit – und zwar nicht irgendwie, sondern als der 417. Crowdfunding-Unterstützer, der für das Erreichen der Finanzierungssumme auf dem letzten Meter verantwortlich ist. Wie ist das jetzt für ihn, wollte ich von ihm wissen. Seine Antwort: „Spende ist Spende“. Das stimmt wohl. Mit der Finanzierungsform Crowdfunding geht man ja schließlich dem Von-einem-großen-Sponsor-abhängig(-und-beeinflussbar)-sein aus dem Weg. Man kann sich seine Unterstützer nun mal nicht aussuchen.

 

Aber warum greift ein Weltkonzern in seine Kaffeekasse und sichert einem jungen Journalismusprojekt den Crowdfunding-Erfolg? Auf meine Anfrage hin antwortete die Pressestelle – natürlich auf Google Plus:

„Google fördert Journalisten weltweit in X Projekten. Jung & Naiv haben wir schon mal im vergangenen Jahr unterstützt. Dem Europa-Projekt haben wir nun recht spontan geholfen, da es am Ende ja knapp wurde mit der „Kraut“ ,-)“

Einen Einfluss erhält der Suchmaschinenkonzern auf die Berichterstattung natürlich nicht – Crowdfunding ist Crowdfunding und kein Crowdinvesting mit Erfolgsbeteiligung oder Mitspracherecht. Google könnte damit sein Image in der Journalismusszene damit etwas aufpolieren. Tilo Jung dürfte diese Unterstützung freudig aufnehmen und sich über den Förderungsgrund keine Gedanken machen müssen. Geld ist Geld – ob ein einstelliger Betrag eines armen Bloggers oder ein vierstelliger Betrag eines reichen Konzerns.

Update (26.04.2014):
Tilo Jung hat das Crowdfunding-Projekt „Jung & Naiv goes Europe“ mit 16.011 Euro von 427 Unterstützern erfolgreich abgeschlossen.

Nachtrag (26.04.2014):
Wie Karsten Wenzlaff in seinem Kommentar richtig kritisiert, ist die Aussage zu Crowdfunding und Crowdinvesting nicht korrekt, da es sich beim Crowdinvesting um eine Form des Crowdfundings handelt (equity-based) und nicht um das Gegenteil oder Ähnliches. Dass der Projektmacher den Unterstützern beim Crowdfunding keine Mitbestimmungsrechte gewährt, ist dabei ein Erfahrungswert, aber keine pauschal zutreffende Aussage. Rechtliche Gegebenheiten in Sachen „Spenden“ sollten in diesem Beitrag ausgeklammert werden und keine Beachtung finddn. Dass es hierzu allerdings selbst unter Projektmachern noch Aufklärungsbedarf gibt, erkennt man an Aussagen wir der obigen („Spende ist Spende“).

Nachtrag II (28.04.2014):

8 KOMMENTARE , GEBE EINEN KOMMENTAR AB

  1. Wow, abgefahren – hab gestern noch reingeguckt und dacht schon: schade, dass es vielleicht so grad eben scheitert. Was für ein unerwarteter Twist! 😀
    Für Google optimal, billigste Werbung aller Zeiten, für Tilo…
    naja auf jeden Fall nicht ganz einfach 🙂

  2. Der Artikel ist sehr spannend, enthält aber noch einige kleinere Fehler. Es gibt vier verschiedene Arten des Crowdfundings, die auf Krautreporter verwendete Form des reward-based Crowdfundings erzeugt grundsätzlich immer einen Kaufvertrag und keine Spende. Beim Crowdinvesting (equity-based Crowdfunding) sind die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Crowd auch eingeschränkt bzw. hängen ab vom Beteiligungsinstrument. Es ist also Quatsch zu sagen, dass reward-based Crowdfunding keine Mitbestimmung der Crowd ermöglicht, natürlich hängt das ganz wesentlich davon ab, ob der Projektinhaber die Mitbestimmung einräumt oder nicht. Das ist beim Crowdinvesting als auch bei anderen Crowdfunding-Arten möglich.

  3. Ein toller Artikel Julian Heck … so viel zum Potenzial von Crowdfunding, dass „Dilemma des Journalismus“ zu lösen Hab die Tilo Jung-CREW auch angefragt wegen meiner Studie – nach einem ersten Kontakt gab es keine Rückmeldung mehr Fakt ist: auch bei Dirk Von Gehlen haben Unternehmen als Unterstützer seines Crowdfunding-Projektes fungiert … natürlich lösen wir damit nicht das Dilemma der Finanzierung von Journalismus über teilweise fragwürdige Interessengruppen aber steigern das Finanzierungsvolumen: eine Verschiebung des Anzeigenmarktes in Richtung Crowdfunding wäre in dieser Hinsicht doch sogar wünschenswert – oder?!

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  6. Ich war und bin eigentlich ein Fan von Jung&Naiv. Das Crowdfunding-Projekt hinterlässt bei mir aber mittlerweile einen doch recht faden Beigeschmack. Google hat der Sache meiner Meinung keinen Gefallen getan. Dass Jung darauf keinen Einfluss hatte, dürfte einigermaßen klar sein; statt bärbeißiger Antworten hätte aber z.B. das Angebot, die Google-Spende zurückzuüberweisen, zumindest ein Zeichen gesetzt. Jetzt hat sich wohl noch gezeigt, dass die J&N Europa-Route sich mehr als zufällig mit der Wettkampf-Tour seiner Freundin (Tennis-Spielerin A.Petkovic) deckt. Wäre das ganze aus eigener Tasche finanziert, würde die Verbindung von Beruf und Vergnügen überhaupt kein Problem darstellen. Meine Sorge geht aber dahin, dass ein Journalist, dessen Anspruch es ist, Interviewpartner kritisch zu be- und hinterfragen, sich so angreifbar macht. Völlig egal, ob berechtigt oder nicht, er gibt damit die Position des moralisch Überlegenen auf, und das kann bei unangenehmen Fragen ausgenutzt werden. Da solche Aktionen zudem in Zukunft Auswirkungen auf das ganze Krautreporter-Team haben könnten, würde ich mir hier etwas mehr Fingerspitzengefühl wünschen.

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