Strasbourg,

Trendblogger-Jahrgang 2012/2013
„Welkumma en unsrem scheena Strossburi“ heißt es für mich. Der Dialekt verrät es bereits: Aus dem Herzen Frankreichs werde ich nicht schreiben. Dafür allerdings aus dem Herzen Europas: Mit ihren vielen europäischen Institutionen bezeichnet sich Straßburg nämlich selbst als „Hauptstadt Europas“. Der Job hat mich über die Grenze verschlagen und wegen der Vielfältigkeit der kulturellen Einflüsse bin ich geblieben. Beste Voraussetzung also, um nicht nur über französische sondern auch über europaweite Medientrends zu berichten.



Fußball begeisterte Ritter und böse Prinzessinnen: Mit der Märchen-App „Il était des fois“ kann sich jeder sein eigenes Märchen erfinden

Mit der Märchen-App lässt sich ein Märchen aus verschiedenen Blickwinkeln lesen

Mit der Märchen-App lässt sich ein Märchen aus verschiedenen Blickwinkeln lesen

Es waren einmal eine hübsche Prinzessin, ein böser Drache und ein mutiger Ritter. Wir können uns schon fast denken, wie das Märchen weitergeht: Die hübsche Prinzessin wird vom bösen Drachen in ein weit entferntes Land entführt. Doch zum Glück macht sich der mutige Ritter auf den Weg, um sie zu retten. Die Mission gelingt, die beiden heiraten und leben glücklich bis an ihr Lebensende. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann … na, ihr wisst schon …
Der Grafiker und Illustrator Valentin Gall hatte genug von dieser einfachen Erzählweise und entwickelte eine Märchen-App, mit der jeder seine eigene Märchengeschichte erfinden kann.

Von enttäuschenden Gutenacht-Geschichten und ernüchternden Praktika

„Als ich klein war, erzählte mir meine Mutter oft zum Einschlafen Gutenacht-Geschichten“, erzählt Gall. „Ich fand es damals schon ungerecht, dass bei diesen Geschichten immer der Böse am Ende verliert.“ Jahre später, Gall war inzwischen Student an der „École Supérieure des Arts Décoratifs“ in Straßburg, beschäftigte er sich mit diesem Thema in einer wissenschaftlichen Arbeit: „Die Rolle des Bösen in der Kinderwelt“ so der Titel. Im gleichen Jahr machte er ein Praktikum in einem Jugendbuchverlag. Seine Aufgabe bestand darin, die Printformate an ein digitales Format anzupassen. „Der Verleger wollte lediglich eine Adaption und hat dabei die Möglichkeiten völlig außer Acht gelassen, die ein digitales Format für die Erzählweise bietet.“

Digitales Zeitalter meets Märchen

Die Idee für seine Abschlussarbeit war geboren: „Ich wollte DAS Buch, das ich mir als Kind gewünscht hatte, verwirklichen und dabei alle Möglichkeiten, die ein digitales Format mit sich bringt, ausschöpfen.“ Entstanden ist eine App, in der die Rollen (der Böse, das Opfer, der Held) den Protagonisten (Prinzessin, Drache und Ritter) frei zugeordnet werden können. Das Märchen kann so immer wieder neu erzählt werden. Aus „Es waren einmal …“ wird „Es waren mehrmals …“ – so auch der Titel der App („Il était des fois“), die ab dem 1. April im App-Store zum Download bereitsteht. Insgesamt kann das Märchen auf zigfache Arten erzählt werden. Denn auch innerhalb der Story kann der Leser die Perspektive wechseln. „Warum trifft der Ritter gerade jetzt auf den Drachen?“ – noch mal zurück, aber dieses Mal das Ganze aus der Sicht des Ritters bitte … Galls Lieblingsversion? Ganz klar: das Märchen mit der bösen Prinzessin, dem heldenhaften Drachen und dem Ritter als Opfer.

Für die richtig Kreativen hat Gall eine zweite Erzählebene entwickelt: In dieser gibt es die Bilder ohne Text. Beliebig zusammengewürfelt, lassen sich damit ganz eigene, neue Geschichten erfinden.

Weil die Erzählweise schon nicht dem klassischen Märchen entspricht, sind die betexteten Geschichten selbst auch untypisch. Da ist etwa der Ritter, der eigentlich im Fernsehen ein Fußballspiel ansehen möchte. Doch die böse Prinzessin stört das Empfangssignal … Wie das Märchen ausgeht? Einfach selbst ausprobieren: Ab 1. April steht die App (in französischer Version) zum Download bereit.

Bilder: © Valentin Gall

1 KOMMENTARE , GEBE EINEN KOMMENTAR AB