Freiburg,

Studentin an der Universität Freiburg; zur Zeit wohnhaft in London, der Stadt der langen Arbeitswege, bärtigen Menschen auf Klapprädern, teuren Biere, Messerstechereien und 70er-Jahre-Revival-Outfits, in der jeder zweite Ausländer und deshalb jeder Ausländer zu Hause ist.



Europa, das sind die Anderen

Stecken Großbritannien und die EU in der Krise?  Foto von Flickr-User Greg Westfall unter Creative-Commons Lizenz.

Wie europäisch fühlen sich die Briten?
Foto von Flickr-User Greg Westfall unter Creative-Commons Lizenz.

„Letztes Jahr war ich in den Ferien in Europa.“ Als ich diesen Satz zum ersten Mal aus dem Mund eines Briten hörte, war ich ein wenig perplex. Die Briten können nach Europa reisen? Ich dachte die Briten sind Europa! 27% der Briten wollen scheinbar mit uns Schluss machen. Ich frage mich: Haben sie uns jemals wirklich geliebt?

Noch gehören sie zu EU, und viele – mich eingeschlossen – hoffen bzw. gehen davon aus, dass das auch so bleibt. Dass sie geographisch durch ein bisschen Wasser vom Rest unseres Kontinents getrennt sind, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht als ein Problem angesehen. Ich hatte natürlich auch nicht viel darüber nachgedacht. Als junge Deutsche, für die Europa immer schon ein friedlicher, mehr oder weniger einiger Ort gewesen ist, hat sich mir die Frage, ob England jetzt dazu gehört oder nicht, nicht unbedingt gestellt. Es war früher nicht im Horizont meiner deutsch-europäischen Identität mit einbegriffen. Aber für junge Menschen, die in Großbritannien aufwachsen, ist das scheinbar schon ein Thema. Überraschend ist das an sich auch wieder nicht – das weiß jeder, der ab und zu einen Blick auf die britische Medienlandschaft wirft. Die Frage, ob Großbritannien die EU verlassen sollte, wird in den Medien viel und hitzig diskutiert. Was hier in Deutschland noch wie ein Randthema erscheint, steht dort längst auf der Tagesordnung. Insofern ist es im Nachhinein nicht allzu überraschend, dass die jungen Briten nicht alle selbstverständlich das Gefühl haben, sie seien ein Teil von Europa.

Wenn in meiner persönlichen, beschränkten Erfahrung das Thema Europa im Pub aufkam, dann war es immer auf eine sehr freundliche, humorvolle Art. Ich habe bisher noch keine Stammtisch-Europa-Streitigkeiten live miterlebt, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass es sie nicht gibt. Die jungen Briten, die ich kenne, finden Europa eigentlich cool. Sie fahren gerne im Urlaub nach Europa. Sie bewundern das ein oder andere Land für die ein oder andere Leistung, sie finden das Essen gut und freuen sich über billiges beer und viel sunshine. Sie haben sich gar nicht bewusst dazu entschieden, sich von Europa abzugrenzen. Es ist unterbewusst passiert. Erst, als ich sie darauf hinweise, dass sie doch eigentlich auch zu Europa gehören, fällt ihnen auf, was sie gerade gesagt haben. Und es wird klar: Sie empfinden Europa als etwas, zu dem sie kulturell nicht so ganz dazugehören. Ich kann hier natürlich nicht für die Mehrheit der Briten, nicht mal für die Mehrheit der jungen Leute dort sprechen. Was ich erlebt habe, ist lediglich eine von vielen Denkweisen, aber sie ist mir nicht nur einmal begegnet, sondern genau genommen ständig. Es scheint also schon eine gewisse Anzahl an Leuten zu geben, die diese Ansicht teilt. Selbst solche, die „pro-EU“ sind, sehen sich nicht unbedingt als Teil dieses kulturellen Phänomens namens Europa.

Ich will gar nicht sagen, dass sich das alles ändern muss. Die Briten können doch durchaus ein Teil der Europäischen Union sein, ohne sich wirklich 100% europäisch zu fühlen. Die freundliche Neugier, die mir als „Europäerin“ dort meistens entgegen gebracht wird, steht einer guten Zusammenarbeit auf politischer Ebene ja keinesfalls im Wege. Mich hat das Ganze zum Nachdenken angeregt – ja, ich bin Europäerin, und ja, darüber freue ich mich. Lass mich dir, kleiner Brite, mehr von dem bunten, fröhlichen, sonnigen Ort erzählen, den wir Europa nennen. Vielleicht kommst du uns ja bald mal wieder besuchen.

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