Montevideo,

Trendblogger-Jahrgang 2012/2013
Wo liegt eigentlich Uruguay? Kurz vor dem Abschluss meines Masters in European Studies wollte ich es wissen. Im Laboratorio Tecnológico del Uruguay werde ich für drei Monate die Zielgruppen der Kommunikationsabteilung aufmischen und natürlich von den neusten Trends der kleinen Schweiz Südamerikas bloggen.



Datenjournalismus dank Transparenzgesetze

Die Verwendung der Steuergelder 2011-2012. Der Katalog der offenen Daten in Uruguay bietet alle Daten und regt ihre Visualisierung an.

Die Verwendung der Steuergelder 2011-2012. Der Katalog der offenen Daten in Uruguay bietet alle Daten und regt ihre Visualisierung an. Foto: AGEV Uruguay

Datenjournalismus ist immer nur so gut, wie die ihm zu Grunde liegenden Datensätze. In Lateinamerika könnten die neuen Transparenz-Gesetze und die damit geschaffenen Open-Data-Datenbanken langfristig entscheidend zur Qualität der neuen Journalismusform beitragen. Kurzfristig zeugen die Anwendungen jedoch von mangelnder Kreativität.

Lateinamerika als Musterschüler der Open-Data-Gesetze
Der Mehrwert von Datenjournalismus, englisch data driven journalism, ist von vielen Faktoren abhängig. Eine anschauliche Darstellung und die richtige Zuordnung von Faktoren sind unerlässlich. Dennoch, ohne verlässliche und aussagekräftige Datensätze ist auch die beste Grafik und die scharfsichtigste Fragestellung nichts wert. Nicht grundlos widerholt nach wie vor noch circa aller 14 Minuten irgendwo auf der Welt jemand den berühmten Slogan: „Data ist the new oil“. Wie praktisch, dass in Lateinamerika gerade ein Land nach dem anderen neue Transparenzgesetze abstimmt und so alle vorhandenen Daten der Regierung im Internet veröffentlicht. Lateinamerika sollte sich, so sagte es zumindest der berühmte kürzlich verstorbene mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes voraus, in den kommenden Jahren in die transparenteste Region der Welt verwandeln.

Open Data Uruguay
Mexiko hatte laut deutschem Entwicklungsministerium bereits seit dem Jahr 2003 eines der fortschrittlichsten Transparenzgesetze der Welt. In Uruguay verlangt seit dem Jahr 2008 das Gesetz N° 18.381 den freien Zugang aller Menschen, unabhängig von Nationalität oder Art der Anfrage, zu allen Informationen der öffentlichen Einrichtungen. Im Dezember 2012 fand dazu der Kickoff des „Katalog der offenen Daten“ statt, einer Online-Plattform, die alle Informationen bündelt und so den Zugang zu den Daten sowie ihre Weiterverwertung fördern soll. Die Daten umfassen Informationen wie die Ausgaben der Touristen in den einzelnen Regionen, die Schulnoten aller Grundschüler, die Verwendung der Steuern im vergangenen Jahr oder auch die Preise aller Lebensmittel im Quartal. In Spanien wartet ein ähnliches Gesetz gerade erst auf die Prüfung durch das Parlament.

Uruguay: Veröffentlichen und dann?
Um die Daten nicht nur zu veröffentlichen, sondern auch deren Gebrauch anzuregen, rief die Regierung in Uruguay den ersten Wettbewerb zur kreativen Nutzung offener Regierungsdaten aus. Der Anspruch von Dataidea.uy liest sich dabei ähnlich wie dem von Datenjournalismus: combiná -> transformá -> contrui – Kombinieren, Transformieren und Konstruieren. Die Ideen beschäftigten sich meist mit bürgernahen Themen wie Heatmaps zur genauen Darstellung von Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung in Montevideo, die geografische Abbildung der Lebensmittelpreise zur Erleichterung des Einkaufs oder eine Karte verübter Raubüberfälle, die dazu auch noch von aktuell Betroffenen detailliert ergänzt werden können.

Heatmaps zur Darstellung der Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung in Montevideo, Fotos: MapaMultas 

Open-Data kein Garant für Datenjournalismus
Die Beispiele zeigen, dass das Potential der neuen Datenbanken erkannt wurde. Datenjournalismus ist dies jedoch nur bedingt. Ohne den Zwischenschritt der Berichterstattung zu wählen, werden praktische Anwendungen für den wachsenden Markt von Smartphone-Nutzern geschaffen. Das Potential des Datenschatzes bleibt damit ungenutzt. In Anbetracht der digital wenig einfallsreichen Leitmedien wie El Pais (die übrigens mit der spanischen El Pais nichts gemeinsam hat) oder El Observador kommt das wenig überraschend.

Punkte im Netz

Mapa 76 visualisiert Informationen über die Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur, hier: die Zugehörigkeit in politische Verbände. Foto: Mapa76

Mapa76 als Beispiel für Datenjournalismus ohne Open-Data-Gesetze
Ein schönes Beispiel für der Möglichkeiten von Datenjournalismus kommt aus dem Nachbarland Argentinien, und dass obwohl der argentinische Kongress als einer der intransparentesten der Region und auch gerade in puncto Vergangenheitsbewältigung nicht gerade als fortschrittlich gilt. Der argentinische Teil der weltweiten  Hacks/Hackers ist mit dem im Sommer 2012 gestarteten Projekt Mapa76.info bereits im Data Journalism Handbook zu finden. Mapa76 will dazu beitragen, das Schicksal der Desaparecidos, der mehr als 300.000 Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur, aufzuklären. Mapa76 soll bereits verfügbaren Informationen in einer Datenbank zusammenführen. Informationen zu den Verschwundenen wie Arbeitsort, Art der politischen Gruppe, letzter bekannter Aufenthaltsort oder Fundstätte der körperlichen Überreste können so gemeinsam abgerufen werden. Ziel ist es, Beziehungsmuster zu visualisieren und so wiederum Rückschlüsse auf andere Fälle zu ermöglichen.

Data doch nicht alles
Datenjournalismus geht offensichtlich auch ohne Open-Data-Gesetze.  Was nützen die ganzen Daten, wenn sich niemand engagiert oder interessiert, sie richtig einzusetzen? Open Data ist übrigens auch kein Garant für gute Regierungsführung. Der Index gefühlter Korruption von Tranparency International zeigt neben den Musterschülern Chile und Uruguay weite Flächen des lateinamerikanischen Kontinents dunkelrot gefärbt. Mexiko hat dabei nur halb so viele Punkte wie Spanien. Open Data ohne begünstigende Faktoren sind wie sprudelnde Ölquellen in einer Welt ohne Ölraffinerien – kostbar, aber nur begrenzt nutzbar. Open Data allein macht noch keinen Datenjournalismus. Hingegen kann Datenjournalismus sehr wohl auch ohne Open-Data-Gesetze funktionieren. Es ist nur ein kleines bisschen mehr Herausforderung.