Amsterdam,

„Journalism, Media and Globalization“ heißt der Studiengang für den ich vor zwei Jahren meiner Heimat Köln den Rücken gekehrt habe. Gemeinsam mit 70 Kommilitonen aus über 50 Nationen zog ich los um zu verstehen wie Journalismus in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts funktionieren wird. Drei Unis, zwei Länder und unzählige Seminare später weiß ich, das es keine klare Antwort gibt. Was es gibt sind Trends: Ideen, Projekte und Innovationen um auf die veränderten Rahmenbedingungen der Medienwelt zu reagieren. Aus Amsterdam werde ich für die Trendblogger nach solchen Innovationen Ausschau halten. Und wer weiß; vielleicht finden wir ja doch noch eine Antwort



Big Data? Big Journalism!

Sind Themen wie Weltwirtschaftskrise oder globaler Überwachungsskandal zu komplex für eine gute Berichterstattung? Keinesfalls, sagt die ‚Backlight‘-Redaktion des holländischen Senders VPRO und zeigt wie man aus unübersichtlichen Linkedin-Daten eine hochbrisante Story entwickelt.

Quelle: http://tegenlicht.vpro.nl/afleveringen/2013-2014/big-data-de-shell-search.html

Quelle: http://tegenlicht.vpro.nl/afleveringen/2013-2014/big-data-de-shell-search.html

Zum Anfang ein kleiner Test: Fragen sie doch mal drei verschiedene Leute was eigentlich die globale Finanzkrise ausgelöst hat. Und danach was die NSA genau mit unseren Daten gemacht hat und in Zukunft machen darf. Mein Tipp: Sie kriegen mindestens so viele Antworten wie sie Leute fragen. Warum ist das so? Die naheliegende Antwort ist schlichtweg die Komplexität der Themen. Unbequemer für Journalisten ist eine Andere: Die Medien haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Wenn ein Großteil der Bevölkerung sich nicht im Stande sieht politische Vorgänge nachzuvollziehen, dann ist das auch ein Armutszeugnis für den professionellen Journalismus. Als ‚vierte Gewalt‘ ist es seine Aufgabe Politik verständlich zu machen, um dann den Mächtigen auf die Finger klopfen zu können. Wenn jedoch die Bürger nicht mehr erreicht werden, verpufft diese demokratische Funktion. Der fehlende öffentliche Aufschrei nach Rechtsbruch, Vertuschung und verschleppter Aufklärung im Überwachungsskandal scheint ein gutes Beispiel zu sein. Nur wer glaubt zu verstehen geht auf die Straße um zu protestieren. Bei vielen Bürgern hat sich hingegen eine Mischung aus Besorgnis und Unverständnis längst zu einem gefährlichen Fatalismus entwickelt.

Es stellt sich daher die Frage, ob der klassische Journalismus überhaupt in der Lage ist mit der Datenflut solch riesiger Themen umzugehen. Eine Viertelmillionen WikiLeaks-cable durchzugehen ist mindestens so schwer wie die Wirtschaftskrise in drei Paragraphen erklären zu müssen. Sind solche Stories also ‚too big to tell‘? Wenn ja, bräuchte Journalismus nicht mehr Hausaufgaben, sondern vielmehr einen neuen Lehrplan. Wie der aussehen könnte macht zur Zeit das TV-Format ‚Backlight‘ des holländischen Senders VPRO vor.

Mit ‚Backlight‘ in die Zukunft?

Mit der Vorgabe ein ‚Future-Affairs‘-Programm zu sein, ist allein der Anspruch des Formats schon bemerkenswert. Adressiert an ein globales Publikum will es genau die Themen angehen, vor denen es so leicht wäre zurückzuschrecken. Verliert der Mensch die Kontrolle über zunehmend computergesteuerte Finanzmärkte? Oder: Wie und wo zahlen internationale Großkonzerne Steuern? Einmal pro Woche sucht Backlight (oder ‚tegenlicht‘ in der niederländischen Version) Antworten auf solche Fragen.

Die Sendung ist dabei nicht nur inhaltlich sondern auch gestalterisch innovativ. Bestes Beispiel ist die kürzlich entwickelte ‚Powermap‘.

Quelle: http://tegenlicht.vpro.nl/nieuws/2013/oktober/powermap.html

Quelle: http://tegenlicht.vpro.nl/nieuws/2013/oktober/powermap.html

Um über die Aktivitäten von Shell im Iran und die Einflussnahme der niederländischen Regierung auf den Konzern zu berichten, ging die Redaktion in zwei Schritten vor. Zunächst wurden riesige Textdaten in eine Software eingefüttert, die Personen, Namen und Orte herausfiltert und bestimmte Muster identifiziert. Diese Muster stellt die Software dann in einem visuellen Netzwerk dar, durch das sich Journalisten individuell bewegen können. Klicke auf einen Regierungspolitiker und schon siehst du seine Kontakte in die Wirtschaft und frühere Arbeitgeber. Das Resultat war erstaunlich: Die Verbindungen zwischen Regierungsmitgliedern und Royal Dutch Shell waren so eng, dass die regierungsfreundliche Politik von Shell kaum mehr überraschte. Mit Hilfe der Powermap hatte Backlight aus einem Haufen unübersichtlicher Linked-in- und WikiLeaks-Daten eine politisch hochbrisante Story geschaffen.

Ab in die Datenflut!

Es ist dabei wohl kaum ein Zufall, dass gerade Backlight mit diesen Innovationen aufwartet. Die Komplexität der besprochenen Themen zwingt die Redakteure geradezu die volle Bandbreite der digitalen Recherche- und Darstellungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Anders wäre Vieles für Journalisten und Leser kaum zu fassen.

Das Beispiel der Powermap macht damit deutlich was das Gros des professionellen Journalismus noch verstehen muss: Die Bereitschaft zum Kampf mit der Informationsflut und innovative Darstellungsformen gehören zusammen.  Zu große Themen gibt es nicht, es gibt nur zu kleine Werkzeuge.

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